Drei Tage Regen

Veröffentlicht auf von acron

Ich stelle hier eines meiner Lieblingsstücke vor.

 

Es heißt: „Drei Tage Regen“ (Three Days of Rain) und ist von Richard Greenberg, 

Deutsch von Bernd Samland.


 Die UA war im Manhattan Theatre Club 1997.

Es hat zwei Akte, 3 Personen: 2 M, 1 F, alle ca. 30 - 35 J.und spielt in den Jahren 1995 und 1960 in Manhattan Downtown.

 

 

Meine Beurteilung:

 

Es erfordert kleine Besetzung, geringen Bühnenaufwand und hat eine spannend aufgebaute Dramaturgie.

 

Ein ungeheuer gutes Stück. Ich habe es in einem Zug durchgelesen und gleich darauf noch einmal gelesen. Dabei geht es primär gar nicht um die Geschichte, die sich allmählich - fast beiläufig  - erzählt, es geht um die Menschen, um die Gefühle, die Liebe. Versagensängste, allen voran um Schuld. Ein ausgeklügeltes Psychogramm, ergreifend geschildert, mit eigenartig kühlem Humor und keinem Wort zuviel. . 

 

Walker ist ein Egozentriker, auf den jeder Rücksicht nimmt, ein genialer Neurotiker, der nichtsdestotrotz mit seinem Leiden die Umwelt tyrannisiert, der sein Leiden - bewusst oder unbewusst - als Machtfaktor einsetzt. Seine Schwester Nan steht mit beiden Beinen im Leben und ist doch von verletzlicher Intuition geprägt. Und dann ist da noch Pip, der Fernsehserienstar. Was für ein Pragmatiker! Er ist der wahre Lebenskünstler, dessen frappierend einfache Philosophie immer greift. Die Geschichte der drei Menschen rekrutiert sich aus der Vita der Eltern, deren gelebter Tragödie, die sich immer mehr heraus kristallisiert: die Unmöglichkeit, ein Glück auf Schuldgefühlen aufzubauen.

Knapp ist es, minimalistisch in den Dialogen, doch von einer lyrisch-epischen Kraft, die  Eugene O‘Neill in nichts nachsteht; und es ist eine große Herausforderung für die Schauspieler, die im Zweiten Akt, zeitlich 35 Jahre zuvor die Rollen der jugendlichen Eltern verkörpern, deren Opfer sie letztendlich sind. 

 

Hervorragender dramaturgischer Kniff: Der  Zuschauer weiß immer mehr als die Figuren auf der Bühne. Dadurch entsteht eine hohe Spannung. Walker wird nie die Wahrheit erfahren und auf ewig an der vermeintlichen Erbärmlichkeit seines tatsächlich genialen Vaters verzweifeln. Er wird mit seiner Suche nach Identität zwangsläufig auf der Strecke bleiben, und einzig der Zuschauer kennt die Zusammenhänge und könnte ihm helfen.  Wie in einer Märchenaufführung, in der die Kinder ihren Protagonisten lauthals vor dem Zugriff des Bösen warnen, ist man versucht, einzugreifen, um die Geschichte in andere Bahnen zu lenken.

 

 

 

Inhalt

 

Erster Teil 1995

In einem etwas verwahrlosten, spartanisch eingerichteten Appartement in Manhattan Downtown sitzt Walker und wartet mitten in der Nacht auf seine Schwester Nan. 

Der Vater der beiden, ein weltberühmter Architekt, dessen spektakulärstes Gebäude der Privatwohnsitz der Großeltern, Janeway House, seine kometenhafte Karriere begründete, ist vor nunmehr einem Jahr verstorben. Da Walker damals unauffindbar war, wird jetzt erst das Testament eröffnet und das Erbe geteilt. 

 

Als Nan eintrifft, ist sie verärgert; er hatte ihr versprochen, sie vom Flughafen abzuholen. Doch sie wundert sich nicht. Schließlich  kennt sie ihn, er hat es einfach vergessen. Sie sieht sich um, die Wohnung passt so gar nicht zu dem reichen Erben. 

 

Hier war das erste Büro des Vaters und dessen Partners Theo, eine Zeitlang auch die gemeinsame Behausung der zwei jungen Männer gewesen. Nun gehört es Walker. Er hat das Haus gekauft. Unter einer Matratze hat er ein Tagebuch des Vaters gefunden, aus dem er Nan so unspektakuläre wie nüchterne Eintragungen vorliest. Es beginnt mit den Worten: „Drei Tage Regen...“. Die entsetzlichsten Ereignisse sind mit erschreckend sachlicher Gleichgültigkeit vermerkt. Als beispielsweise eines Tages die gemütskranke Mutter Lina durch eine Glastüre gesprungen war, und blutüberströmt in die Klinik eingeliefert werden musste, hatte Ned, der Vater, lediglich „eine schreckliche Nacht“ notiert. Walker liest: „3. Januar - Theo im Sterben, ...5. Januar - Theo im Sterben, ...18. Januar - Theo tot.“ Nan bittet den Bruder, aufzuhören. Da er bei der Nachlassverteilung einzig am Janeway House interessiert ist, bietet sie ihm das Haus gegen das Buch.

 

Auch Pip ist zu dem Notariatstermin geladen. Er ist Schauspieler, der Held einer Soap Opera und Theos Sohn. Seine Mutter war einst mit 20 Jahren nach New York gekommen, hatte genau das Geld, um ein Jahr leben zu können und den festen Vorsatz, es in diesem Jahr zu etwas zu bringen. Als das Jahr zu Ende, ihr nichts Großartiges widerfahren und ihr Geld aufgebraucht war, lief sie wahllos durch den Regen und setzte sich weinend auf eine Parkbank. Da kam einer, ebenfalls weinend und setzte sich neben sie. Es war Theo, bei dessen Tod Pip drei Jahre alt war. Pips Naturell ist unkompliziert und steht im krassen Gegensatz zu Walkers depressiver Egozentrik. Walker gleicht seiner Mutter, die stundenlang vor sich hin starren kann, zu völlig irrationalen Handlungen neigt und seit Jahren in einer psychiatrischen Anstalt vor sich hin dämmert.

Als Pip Janeway House erbt, ist Walker verletzt. Er erfährt, dass Nan ein Verhältnis mit Pip hatte, in den er selbst unsterblich verliebt war. Er versucht, den letzten Willen seines Vaters zu verstehen. Hinter den Worten „... Theo ist tot“, erkennt er kaum leserlich die Worte: „ ... was ich alles von ihm genommen habe!“ Möglicher Weise war Janeway House gar nicht des Vaters Werk, sondern Theos. Dann stünde das Haus allerdings Pip zu. Hat Ned nicht nach Theos Tod keine nennenswerten Ideen mehr gehabt? Geistiger Diebstahl also? Walker begnügt sich mit der Erklärung und verbrennt das Tagebuch.

 

 

Zweiter Teil 1960

 

Der selbe Raum, nur bunter und möbliert.  

Ned sitzt schweigend am Zeichentisch und arbeitet. Theo und seine Geliebte Lina streiten lauthals und versöhnen sich wieder. 

Lina hat Theos Hochstapeleien satt. Angeblich hat er in Oxford, an der Sorbonne und dergleichen studiert. Die Arbeit macht Ned, während er, der sich selbst als genialen Chaoten darstellt  und feiern lässt, kaum in der Lage ist, einen ordentlichen Entwurf zu zeichnen. 

Auch Ned liebt Lina. Doch der schüchterne Stotterer, der nicht annähernd so gut aussieht und eloquent ist wie Theo, sieht sich bei der hübschen, intelligenten Frau  chancenlos. 

Die beiden Architekten haben von Neds Eltern den Auftrag bekommen, ein Wohnhaus zu bauen. Davon leben sie derzeit.

Als Theo Pizza holen geht, kommen Lina und Ned miteinander ins Gespräch. Lina sagt, Theos Problem sei seine miserable Bildung, die er mit peinlichen Erklärungen über seine vermeintlichen Studien kompensiert. „ ... er ist so lieb dabei, aber es macht einen fertig. Jedes Thema wird heikel. Die Hochstapelei droht jederzeit aufzufliegen... aber ich glaube, ohne ihn muss ich sterben.“

 

Einige Abende später kommt Theo mit Zeichnungen für das geplante Haus zu Ned. Es sei ein unfertiger Rohentwurf, nicht weiter der Rede wert. Was Ned dazu meine, wolle er wissen. Ned erkennt auf Anhieb das Plagiat.

 

Theo

Sag mir, was ich hören möchte. Die absolute Wahrheit, die ich hören möchte. Sag nichts. Sprich!

 

Ned

... es ist...

 

Theo

Ich weiß, es ist grob -

 

Ned

Es ist... nicht grob -

 

Theo

Aber du findest es grauenhaft? Ist es hässlich?

 

Ned

Nein, es ist... schön.

 

Theo

Das findest du?

 

Ned

Ja -

 

Theo

Ned!

 

Ned

Schon seit Jahren. Es ist das Fa Farns...

 

Theo

Nein, ist es nicht... Es hat Elemente mit dem Farnsworth House gemein.

 

Ned

Vie Viele Elemente. Alle.

 

Theo will sich nun einigen Tage in die Berge verkriechen, um dann mit einem wirklich brauchbaren Entwurf zurück zu kehren.

 

Es regnet. Ned und Lina kommen völlig durchnässt, mit Einkaufstüten bepackt zur Türe herein. Theo ist schon geraume Zeit in seinem selbst gewählten Arbeitsexil. Während sie sich aufwärmt und ihre Kleider trocknet, macht er Abendessen. Die beiden kommen einander näher. Er gesteht ihr seine Liebe, die sie plötzlich erwidert. Sie bleibt drei Tage, in denen Ned sein Tagebuch beginnt, mit den Worten: „Drei Tage Regen“.

 

Lina sieht Pläne auf dem Tisch liegen, die ihr gefallen. Er zerreißt sie, wie er alle seine Entwürfe bisher zerrissen hat. Doch Lina fügt sie wieder zusammen. Sie ist begeistert. Sie liebt ihn.

Als die beiden am Fenster stehen und sich küssen, sehen sie plötzlich Theo draußen stehen. Sie öffnen ihm die Türe. Er hat keine Pläne zustande bekommen, hat keine Ideen, nichts. Und nun hat er auch seine Geliebte verloren. Er sagt: „Ich kann nicht mehr an die Zukunft denken. Ich habe keine Zukunft mehr.“ und geht hinaus in den Regen. 

 

Irgendwo da draußen wird er sich weinend auf eine Parkbank setzen und Pips Mutter kennenlernen.

 

Als Theo verschwunden ist, beginnt Ned auf der Basis des von Lina wieder zusammengesetzten Entwurfs mit den Plänen zu Janeway House.


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