Der Ort. Das Herz

Veröffentlicht auf von acron

Erwin Ruckriegel ist Dramaturg, arbeitslos und weiß nicht, wie er über die Runden kommen soll. Er bietet im Internet seine Dienste als ghost-writer an.
Als Shulamit von Weltenau sich bei ihm meldet, um die Geschichte ihres Lebens von ihm schreiben zu lassen, ahnt er noch nicht, dass nun sein Leben eine entscheidende Wendung nimmt. In drei Büchern wird ein historischer roter Faden durch das letzte Jahrhundert in Europa gezogen.
Ein alter Mann macht einen Selbstmordversuch. Ein Haus in Italien, das dereinst Partisanenschaltzentrale der Gegend war, wird zum Schlüssel einer Tragödie, die mit dem Vollzug des Suizids endet.
Und schließlich wirft die Geschichte von Shulamits jüdischer Familie ein Schlaglicht mitten hinein in die Hölle der Nazizeit.
Im Laufe ihrer Zusammenarbeit kommen sie und Erwin einander näher, bis er merkt, dass er aktiver Teil der Geschichte ist, die sich mittlerweile zur dialektischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entwickelt hat. Letztlich stellt sich heraus, dass sie ihn nicht ohne Hintergedanken zu ihrem ghost-writer erkoren hat.


Leseprobe

Teil Eins - Den ersten Stein

1

Ich hatte mich ans Alleinsein gewöhnt und nicht die geringste Lust mehr, mich auf andere Menschen einzustellen. Vor allem Frauen waren mir viel zu anstrengend. Ich hatte mein Kölsch, meinen Wodka und meine Ruhe; und von mir aus hätte das Leben ruhig so weiter gehen dürfen. 

Die Türklingel riss mich aus dem Tiefschlaf. Ich griff nach dem Wecker und sah, dass es elf Uhr morgens war. Nachtschlafende Zeit für einen Autor, der seit zwei Jahren außer ein paar Leserbriefen nichts Gedrucktes mehr zustande gebracht hatte. Ich beschloss, mich umzudrehen und weiter zu schlafen, da klingelte es zum zweiten Mal. Schlagartig fiel mir ein, dass Dienstag war. Dienstag war ich mit einer Frau Shulamit von Weltenau verabredet. Und zwar Punkt elf. Also aufstehen und die hochwohlgeborene Dame auf später vertrösten. Ich zog mir schnell einen Bademantel über. Mir war hundeelend. Mein Schädel brummte. Ich stolperte über eine leere Flasche, die über den Boden rollte, sah ihr nach und stieß mir mit Wucht den Kopf an einem Bücherregal. 

„Moment!“, rief ich und wankte benommen zuerst ins Badezimmer. 

Dann ging ich zur Türe, öffnete sie und war schlagartig nüchtern, obwohl das Treppenhaus sich vor mir drehte. Ich starrte sie mit offenem Mund an, als wäre sie eine Erscheinung aus einer anderen, mir unbekannten Welt. Sie war sehr schlank, mit schwarzen, kurz geschnitten Locken, die schon von etlichen weißen Fäden durchzogen waren und höchstens Eins sechzig groß. Dunkelgrüne Mandelaugen, von dichten schwarzen Wimpern umrahmt, blitzten mir aus einem bräunlichen Gesicht entgegen, dass mir fast die Sinne schwanden. Ich schnappte nach Luft. Das eng anliegende, schwarze Kleid ließ ihre Figur noch schmaler erscheinen, an den Füßen trug sie flache Sandalen, die trotz ihrer Schlichtheit sehr teuer aussahen. Ich muss recht sonderbar auf sie gewirkt haben, denn mit einem Mal fing sie zu lachen an, was mich nur noch mehr verunsicherte. Ich brachte keinen Ton heraus. Mit einer tiefen Stimme, die so gar nicht zu ihrem Äußeren passte, sagte sie: 

„Wollen Sie mich nicht herein bitten?“ 

„Ja, doch ja,“ stotterte ich und trat einen Schritt zurück. 

Die Unordnung war mir peinlich, von meinem Mundgeruch ganz zu schweigen. Auch der Bierdunst in der Luft, den ich selbst normaler Weise kaum noch wahrnehme und die Nikotinwolke, die über allem schwebte, waren mir unangenehm. Ich hatte mich im Lauf der Zeit daran gewöhnt, doch jetzt roch sogar ich den Qualm und wäre fast im Boden versunken vor Scham. Ein betörender Blütenduft rauschte an mir vorbei, dem ich wie ein Hündchen folgte. Ich überholte sie, um ihr einen Platz auf dem Sofa freizuschaufeln und das Fenster zu öffnen. 

„Trinken Sie einen Kaffee mit mir?“ fragte ich, „ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt.“

„Gerne!“ antwortete sie. 

„Es wird aber einen Moment dauern,“ entschuldigte ich mich prophylaktisch, „Ich wollte mich erst kurz duschen.“

Mit einem Blick auf mein Klavier fragte sie: 

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich in der Zwischenzeit ein wenig spiele?“

„Nein, ganz im Gegenteil!“ sagte ich und räumte den Berg von Akten und Manuskripten, die darauf lagen vom Deckel und stapelte sie auf dem Boden. Ich warf die Kaffeemaschine an, duschte kurz, zog mich an und putzte mir die Zähne, während sie sich regelrecht in die Tasten warf. So etwas hatte mein altes Klavier noch nie erlebt; zumindest seit es mir gehörte. Die Holzdielen vibrierten, die ganze Wohnung war von einem Klang erfüllt, den ich am ehesten mit jauchzender Melancholie bezeichnen möchte. 

„Was war das?“ fragte ich während ich das Tablett auf den Tisch stellte. Sie antwortete:

  „Eine Komposition von meiner Großmutter.“ 

Später saßen wir uns gegenüber, tranken Kaffee und rauchten. Die Tatsache, dass sie rauchte, erleichterte mir, dem bekennenden Kettenraucher den Umgang mit ihr enorm. Seit zwei Jahren bot ich im Internet nun schon meine Dienste als Biograf sprich: „ghostwriter“ an. Allerdings bis dahin ohne Resonanz. Als Shulamit von Weltenau mich angemailt hatte, war es mir fast schon wieder zu viel gewesen. Was für ein Name! Ich bin doch nicht Rosamunde Pilcher! Ich hatte mir vorgestellt, wie sie bei mir auf dem Sofa sitzen und meinen Kaffee trinken würde, militante Nichtraucherin wäre, die mir irgend eine uninteressante Geschichte erzählen, vielleicht sogar noch an meinem Schreibstil rum mäkeln würde und dergleichen mehr. Nach einem Blick auf den Kontostand indes, hatte ich ihr geantwortet und mich mit ihr per e-Mail verabredet. Nun saß sie also auf meinem Sofa, trank meinen Kaffee, und mir fiel vor Aufregung nur lauter dummes Zeug ein. Meine Zunge klebte am Gaumen fest und löste sich erst allmählich. Eigentlich hatte ich mir zahlreiche Argumente überlegt, um ihr die Sache auszureden; denn auf eine, wie sie es genannt hatte, „Familientragödie“ war ich nicht im Ansatz erpicht. 

„Erstens kann ich Ihnen nicht versprechen, dass wir einen Verlag finden,“ wand ich ein, „zweitens, woher wissen Sie, wie ich schreibe? Was, wenn Ihnen vielleicht mein Stil nicht gefällt? Ich könnte ihn Ihretwegen nicht ändern, selbst wenn ich wollte. Drittens werden Sie viel Zeit mit mir zubringen müssen; ich bin ein alter Säufer und nicht gerade billig!“ Und dann nannte ich ihr einen meiner Ansicht nach astronomischen Preis. Doch sie lachte nur und sagte: 

„Leider keine Ausrede dabei, die ich ernsthaft akzeptieren kann.“ 

„Ich hätte das Doppelte verlangen sollen!“ schoss es mir durch den Kopf. Da sagte sie: 

„Ich gebe Ihnen das Doppelte, wenn wir miteinander klar kommen.“ 

Einem derartigen Argument konnte ich mich natürlich nicht entziehen. Als ehemaliger Dramaturg versuchte ich, mich seit einiger Zeit als frei schaffender Autor durchzuschlagen. Das heißt, ich lebte hauptsächlich vom Arbeitsamt. Alle meine finanziellen Probleme, die ich seit meiner Kündigung vom Theater hatte, wären auf einen Schlag gelöst. Wie oft hatte ich den Schritt schon bitter bereut, auch wenn mich nichts mehr in diese Welt der Eitelkeiten und Intrigen zurück zog. Es war ein elendes Hauen und Stechen gewesen, und ich war aufrichtig froh, dieser Hölle entronnen zu sein, auch wenn mir seitdem die regelmäßige Bezahlung schmerzlichst fehlte. Als Junggeselle ohne Anhang hatte ich weder Weib noch Kind zu versorgen. Meine letzte Freundin hatte mich schon zwei Jahre zuvor zugunsten eines, wie sie meinte, „Besseren“ verlassen, und im Nachhinein machte ich drei Kreuze hinter ihr und ihren ständigen Vorhaltungen, ich wäre ein verbohrter Macho, der wie ein „Weichei“ - wie sie es nannte - daher käme. Erst hinterher war mir klar geworden, wie satt ich die ewige Meckerei hatte. Über alles hatte sie sich aufgeregt, ob es nun meine Freunde waren, mein Alkoholkonsum oder meine Erfolglosigkeit. Das konnte ich nun glücklicher Weise ad acta legen und mich meiner neu gewonnenen Freiheit erfreuen. Mein einziges Problem war das Geld, und selbst wenn meine Altbauwohnung in der Kölner Innenstadt vergleichsweise wenig kostete, weil ich schon eine halbe Ewigkeit darin wohnte, musste ich doch jeden Monat wenigstens so viel verdienen, dass ich die Miete bezahlen konnte. Der Hausbesitzer wartete nämlich schon lange darauf, mich endlich vor die Türe setzen zu können, um die Wohnung dem allgemeinen Mietspiegel anzupassen. 

Sie riss mich aus meinen Gedanken. 

„Was überlegen Sie?“ 

„Ich frage mich, warum Sie Ihre Geschichte nicht selber schreiben.“ 

„Das kann ich nicht,“ antwortete sie, „sobald ich einen Stift in die Hand nehme oder vor einem Computer sitze, ist alles weg. Selbst wenn ich in ein Aufnahmegerät sprechen will, fällt mir nichts mehr ein. Ich habe es bereits mehrfach versucht.“ 

Sie sah aus wie um die vierzig, doch war sie bereits sechsundfünfzig, wie sie mir sagte. Also fünf Jahre älter als ich. Im Geiste verglich ich mich mit ihr und nahm mir vor, das Trinken eine Weile zu reduzieren und wieder mit Joggen anzufangen! Sie arbeitet als Kinderbuch Illustratorin freischaffend, scheint aber ganz gut im Geschäft zu sein. Sie spielt Geige, Klavier und Klarinette und war eine Zeitlang Mitglied in einer Band. Auf ihre etwas ungewöhnliche Art, zu reden angesprochen, sagte sie:

  „Das liegt vielleicht daran, dass ich mehrsprachig erzogen wurde. Mein Vater stammte aus Ungarn. Vor sieben Jahren ist er im Alter von fast neunzig Jahren verstorben. Meine Mutter ist zwar in Frankreich geboren, doch ihre Eltern kamen beide aus Spanien. Außerdem habe ich in Israel studiert. Ich bin zwar Jüdin, doch nicht wirklich religiös, obwohl ich unsere Feiertage einhalte. Mein Glaube ist irgendwo zwischen Pantheismus und Gnosis angesiedelt. Ich empfinde mich als Teil der Schöpfung, die für mich göttlich ist. Ich empfinde mich durchaus als göttliches Wesen.“ lachte sie. 

„Na servus!“ sagte ich und lachte ebenfalls. „Wenn das ironisch gemeint ist, dann haben Sie es hier mit einem astreinen Agnostiker zu tun. Ich glaube an die berauschende Wirkung von Alkohol und bewege mich irgendwo zwischen diesem Glauben und der bitteren Erkenntnis, dass man davon einen dicken Kopf kriegt.“ 

„Das ist nicht viel.“ meinte sie, und ich erwiderte: 

„Mir reicht es!“ und mit einem Blick auf ihre Hand, die sich schamlos aus meiner schon halb leeren Zigarettenpackung bediente: 

„Immerhin, wenigstens in der Zigarettenmarke sind wir uns allem Anschein nach einig; also fangen wir an!“ 

Und dann erzählte sie mir ihre Geschichte, die ich, so gut es geht, mit ihrem Wortlaut wiedergebe. 

 

 

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