Der lange Weg des Gilbert Leclerc

Veröffentlicht auf von acron

Der pensionierte Kriminalhauptkommissar Gilbert Leclerc wird von seiner Tochter Jacqueline erschossen aufgefunden. In der rechten Hand hält er seinen Karabiner, doch er ist Linkshänder. Sie glaubt nicht an einen Selbstmord und ruft die Polizei, die die Spuren nicht nur nicht beachtet, sondern vernichtet. Jacqueline vermutet eine Weisung von oben; ihr Vater hat auch nach seiner Pensionierung in einem schweren Fall von sexuellem Kindesmissbrauch ermittelt. Seine Recherche hatte ergeben, dass auch Regierungsmitglieder und hohe Polizeidienstgrade in den Fall verwickelt waren. Jacquelines Verlobter Julien, ein Kollege ihres Vaters, kennt die Fakten und Hintergründe und glaubt so wenig wie sie an einen Selbstmord. 


Leseprobe

Kap. 1

"Billard ist Taktik!" war seine Devise.


Wenn Gilbert Leclerc etwas wirklich mit Leidenschaft war, dann das: ein Taktiker. Schach und Billard waren seine Art, Sport zu treiben, sein ganz persönliches Fitnessprogramm; und heute wurden im Fernsehen die Billardmeisterschaften übertragen. Er hatte vor nicht ganz einem Jahr ein neues Hüftgelenk eingesetzt bekommen und bewegte sich noch immer recht mühsam an einem, oft sogar noch zwei Krückstöcken. Was lag da näher, als den Tag im Sessel zuzubringen?

Als Jacqueline in den Hausflur trat, war die Luft erstarrt. Stille empfing sie wie eine kalte Hand, die sich ihr auf den Nacken legte.

"Hallo Gil!" rief sie, "bist du da?"

Aus dem Wohnzimmer im ersten Stock hörte sie Stimmen und Musik. Sie stellte ihre Tasche ab, schälte sich aus dem Mantel und hängte ihn an den einzigen leeren Haken in der Flurgarderobe.

„Hier muss mal wieder geputzt werden, das mache ich später, wenn ich die Aufsätze korrigiert habe." dachte sie, als sie die ausgetretene Holztreppe hinauf stieg.

Oben angekommen klopfte sie an der Türe, bevor sie sie öffnete, um ihn nicht zu erschrecken. Als sie keine Antwort bekam drückte sie die Klinke vorsichtig herunter und trat ein. Er saß in seinem großen Sessel vor dem Fernseher, in dem eine Kochsendung lief. Sie sah nur seinen linken Arm seitlich über die Armlehne des Fauteuils hängen und schüttelte den Kopf. Er muss eingeschlafen sein. Sonst hätte er sich gewiss keine Kochsendung angesehen. Sie musste lachen. Dann ging sie um ihn herum zum Fernseher und schaltete ihn aus. Sie drehte sich zu ihrem Vater um und sah, dass er tot war.

 

 

Kap. 2

Sein Kopf war nach vorne gekippt. In der rechten Hand, die vor ihm, auf seinen Oberschenkeln lag, hielt er seinen Karabiner. Die rechte Backenklappe des alten Ohrensessels war zerfetzt und von Blut und grau-weißlichen Flocken gesprenkelt wie von schmutzigem Schnee. Auch an der Lehne hinter ihm, wo das Polster vom beständigen Druck seines Kopfes einen dunkleren Fleck hatte, klaffte ein Loch voll mit Blut vom Rot dunkler Kirschen. Auch hier mit weißlichen Spritzern ringsum. Sie rannte hinaus, die Treppe hinunter, um sich im Badezimmer zu übergeben. Doch bereits auf dem untersten Treppenabsatz zwang ihr die Gesichtsmuskulatur die Mundwinkel nach unten und es brach aus ihr heraus. Reste des Frühstücks, das sie, bevor sie morgens zur Schule gegangen war, rasch hinunter geschlungen hatte. Von der Treppe bis zum Badezimmer erstreckte sich die Spur ihrer Übelkeit die nicht aufhören wollte zu fließen. Als der unterste Mageninhalt hinaus gewürgt war, wurde die bittere, gelbe Gallenflüssigkeit nach oben gesogen wie von einer Vakuumpumpe. Ein Vakuum war auch in ihrem Kopf; er schmerzte, als wollte er gleich platzen, und es dauerte eine Weile, bis sie, ein feuchtes kaltes Handtuch im Nacken, ihren Mut zusammen nahm und wieder die Treppe hinauf zu ihrem Vater schlich. Das Blut war dunkel und nicht mehr frisch. Es musste schon ein paar Stunden zuvor passiert sein. Sie wollte nichts berühren; zum einen schauderte ihr vor dem Anblick dieses Todes, zum anderen wollte sie keine Spuren vernichten. Ihr Vater war selbst Polizist gewesen und es hatte sich nicht vermeiden lassen, dass einige kriminalistische Grundkenntnisse auch bei ihr hängen geblieben waren. Nach dem Tod der Mutter hatte er außer Jacqueline und ihrem Bruder niemanden, mit dem er sich privat unterhalten konnte, wenn er erschöpft von seiner Arbeit nach Hause kam. Sie rief im Polizeikommissariat an und sagte, ihr Vater wäre tot, erschossen. Am liebsten hätte sie ihren Verlobten Julien angerufen, er war ein Kollege Gilbert Leclercs und hatte mit ihm zusammen gearbeitet. Doch der war zur Zeit in Deutschland in einer verdeckten Ermittlung, von der sie nichts wusste und nicht erreichbar. Sie setzte sich auf den Boden, wippte auf und ab, wie sie es als Kind auf seinem Knie gemacht hatte und sprach mit ihm. Sie schluchzte. 

„Du darfst nicht einfach gehen. Du musst bei mir bleiben. Julien und ich heiraten doch bald. Ich will aber nicht ohne dich heiraten. Weißt du noch, wie du mir als Kind Märchen vorgelesen hast? Mein Lieblingsmärchen war die Gänsehirtin am Brunnen. Die war eigentlich eine Prinzessin und hat gesagt, dass sie ihren Vater wie Salz mag, weil ihr das beste Essen ohne Salz nicht schmeckt, und da hat er sie verstoßen. Und sie, sie hat angefangen zu weinen und konnte nicht mehr aufhören und weinte und weinte, weil sie ihren Vater verloren hatte. Aber ihre Tränen wurden zu Smaragden. Warum bist du tot?“ schrie sie, „ich brauche dich doch. Wie soll ich ohne dich leben? Weißt du, warum das mein Lieblingsmärchen war? Weil er ihr verziehen hat, und weil sie wieder zu ihm heim durfte, er hatte sich nämlich genau so nach ihr gesehnt, wie sie nach ihm. Bleib hier, bei mir!“

Ihr Bruder war zwölf und Jacqueline selbst sechs Jahre alt gewesen, als ihre Mutter starb. Danach waren sie mit dem Vater allein gewesen. Seit Marcs Umzug nach Paris, lebte sie allein mit ihm. Sie musste eine ganze Weile da gesessen haben, denn sowohl die Gendarmerie als auch die Ambulanz ließen sich Zeit. Ob er sicher tot wäre, hatten sie wissen wollen, und nachdem sie gesagt hatte, dass jeder Zweifel ausgeschlossen wäre, hatten sie es nicht mehr eilig. Man konnte ja wohl nichts mehr machen, also kam es auch nicht mehr darauf an. 

Sie saß immer noch da und wimmerte, als es schließlich an der Haustüre klingelte. Sie schleppte sich hinunter. Ihr Erbrochenes auf der Treppe war mittlerweile leicht angetrocknet und verströmte einen unangenehm säuerlichen Geruch. Es war ihr peinlich. Sie öffnete die Türe, ließ die Männer herein und führte sie nach oben zu ihrem Vater, der immer noch, den Kopf nach vorne hängend, in der nämlichen Position wie zuvor auf dem Sessel saß.
 
„Selbstmord! Ganz eindeutig!“ sagte der Ambulanzarzt und der Polizeihauptkommissar nickte.
 
Ein Polizeifotograf nahm das Szenario auf. Ohne Rücksicht auf etwaige Spuren zu nehmen und ohne selbst Spuren, wie Fingerabdrücke beispielsweise oder Haare genommen zu haben, wuchteten sie ihren toten Vater auf eine mitgebrachte Bahre, schnallten seinen Körper mit Gurten fest, legten ein Tuch darüber, das sie an den Ecken verknoteten und stiegen langsam mit ihm die Treppe hinunter und zur Türe hinaus.

Sie war perplex. Er konnte sich doch wohl höchstens einmal erschossen haben. Wenn der erste Schuss bereits tödlich war, wie konnte er sich dann den zweiten verabreicht haben? Einer der Schüsse ging durch den Mund, hatte der Kommissar gesagt, und der andere war laut Schmauchspuren an der linken Schläfe aufgesetzt und an der anderen Seite wieder aus dem Kopf heraus getreten. Beide Schüsse hatten den Kopf durchschossen und den Sesselbezug zerrissen. Warum hatte keiner der Männer im Sessel nach den Projektilen gesucht? Warum hatten sie keinen Spurendienst beauftragt? Sie hatten im Gegenteil sämtliche Spuren verwischt. Ihr Vater war Linkshänder gewesen, doch den Karabiner hatte er in der rechten Hand gehalten. Warum ging niemand darauf ein, als sie das zu bedenken gab. Auf ihre Frage: 

„Was geschieht mit dem Sessel?“ gab man ihr zur Antwort:<

„Entsorgen Sie ihn!“

 

 

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