Klara und der böse Wolf

Veröffentlicht auf von acron

Ein alter Mann bekommt Besuch. Klara erscheint in der festen Absicht, sich an ihm zu rächen. Sie will ihn töten. Mit vierzehn wurde sie von ihm vergewaltigt. Damit war ihr Leben verändert. Seelisch krank, versagte sie in der Schule und erlernte keinen Beruf. Ihr Vertrauen in andere Menschen war zerstört. Außer unbedeutenden Affären hatte sie niemals eine Liebesbeziehung. Nun will sie ihn leiden lassen für das, was er ihr und anderen Mädchen angetan hat.
Doch es kommt alles anders. Sie findet ein menschliches Wrack vor, das sich den Tod wünscht.

Leseprobe 

Kap. 1

Der alte Mann in seinem zerschlissenen Lehnstuhl hob den Kopf.

„Hat es nicht soeben geklingelt?“ fragte er laut.

Immerzu sprach er alleine mit sich, als wäre er er und noch eine andere Person. Schließlich gab es niemanden, mit dem er sich ansonsten hätte unterhalten wollen. Einmal am Tag kam die Schwester vom mobilen Pflegedienst, brachte ihm ein paar Zeitungen, putzte, machte seine Wäsche, bügelte und schüttelte ihm sein Bett auf. Sie wusch und rasierte ihn, bürstete sein Gebiss und stopfte es ihm in den Mund. Er hasste es, wenn die Frau ihn wusch. Besonders wenn sie ihn in die Badewanne setzte. Sie war nicht mehr ganz jung, aber noch jung genug. Doch er war ein alter Mann. Er hatte sich sein Leben lang für seinen Körper geschämt. Schon in der Schule, nach dem Sportunterricht, wenn die Jungen sich duschten, oder im Schwimmbad, hatte er allenfalls für beißenden Spott und schallendes Gelächter gesorgt. 

„Was ist denn das in drei Teufels Namen? Kann der sonst noch was außer Pinkeln?“

„Wie, wo ist er denn? Wo hat er sich denn versteckt?“

Zu allem Spott hieß er auch noch Wolfram Christoph Wolf, was ihm, nachdem sein Vorname der Einfachheit halber in Wolf umgeändert worden war, die Bezeichnung, „Doppelwolf“ und später ironisch, „der böse Wolf“ eingetragen hatte. 

„Der Doppelwolf wird keiner Frau gefährlich.“ hatten sie ihn verhöhnt. „Der hat nur drei Härchen und das mittlere brunzt!“

Die Initialen seines Vornamens waren ein weiterer Grund für Heiterkeit bei seinen Mitschülern. W.C. Noch heute packte ihn die Wut, wenn er daran dachte. Die Schwester war eine starke Frau. Sie hatte sich noch nie etwas anmerken lassen. Sie half ihm beim Ausziehen und führte ihn wie ein Kind die Stufen zur Badewanne hinauf. So, wie sie aussah, hätte sie ihn sogar tragen können. Sie hatte ein Kreuz wie ein Boxer, und er hatte das Mitleid in ihren Augen registriert, als sie ihn das erste Mal nackt gesehen hatte. Wie sehr er dieses Mitleid hasste! Sonst besuchte ihn nie jemand. Einmal war der Gemeindepfarrer vorbei gekommen, aber den hätte er fast achtkantig die Treppe runter geschmissen, der würde sich so schnell nicht wieder her trauen. Dreimal am Tag kam der Junge von „Essen auf Rädern“. Aber der und die Schwester waren so schweigsam wie er. Ganz am Anfang, nachdem er seinen Schlaganfall und die anschließende Reha einigermaßen überstanden hatte, hatte sie ab und zu versucht, mit ihm zu sprechen. Doch, erschrocken über seine unwirsche Reaktion hatte sie es schnell aufgegeben, und mit dem Jungen war es genau so. Der Junge war mittlerweile schon der fünfte. Immer waren es Zivildienstleistende; doch für ihn war es so, als wäre es immer nur der eine gewesen. Ein Junge mit Kochgeschirr ohne Gesicht, der nicht sprach. Wahrscheinlich hatte sein Vorgänger ihm erzählt, wie wortkarg der Kerl in der Amalienstraße Nummer siebzehn wäre, so dass er nie von ihm belästigt wurde. Zumindest nicht von seinem Geschwätz, das er schon hasste, wenn er es sich nur vorstellte. Grauenvoll dieses:

„Na, wie geht es uns denn? Schönes Wetter heute! Wollen wir nicht die Sonne herein lassen?“

So war es beständig in der Reha gegangen, und auch die Schwester hatte am Anfang gemeint, ihn mit ihrem unsinnigen Geplapper aufmuntern zu müssen, bis er ihr bei ihrem dritten oder vierten Besuch das Wort abgeschnitten hatte:

„Machen Sie, was Sie wollen, das ist mir scheißegal. Aber halten Sie bitte den Mund!“

Er hatte genau gesehen, wie sie erschrocken war, doch auch das war ihm egal gewesen. Ihr anschließendes Schweigen hatte bei ihm nicht einmal für ein Gefühl der Befriedigung ausgereicht. Er hatte wieder vor sich hin gestarrt und sich gewünscht, dass sie bald ihre Arbeit beendigt haben würde, um sich wieder mit sich selber unterhalten zu können. Der würde ihn wenigstens verstehen, und wenn er wollte, dass er schwiege, würde er schweigen. Mit dem Jungen war es genau so. Ein kleiner Junge, aber ein Idiot. Einer der es gut meinte. Das waren die Schlimmsten, die, die es gut meinten. Die hatte er schon per se gefressen. Ein Linker, der aus Überzeugung die Bundeswehr ablehnte und sich für Ersatzdienst entschieden hatte:

„Aus Überzeugung“ hatte der Depp gesagt, „weil ich den Menschen helfen und sie nicht bekämpfen möchte.“

Wenn sie nur nicht alle so überheblich lügen würden! Aber nein, sie mussten immer gleich sagen, wie gut sie wären, dass man glaubte, sich schämen zu müssen, weil man selber nicht so gut und großzügig war wie sie. Allerdings erwarteten sie auch noch Dank. Sie wollten sich nicht nur selbst feiern in ihrer Güte, sondern auch noch gefeiert werden. Aber nicht mit ihm. 

„Halt den Rand!“ hatte er ihn angeherrscht, und der Junge war zusammen gezuckt und hatte geschwiegen.

Fast hatte er lachen müssen. Aber er hatte sich zusammen gerissen. Am Ende hätte der Kerl noch geglaubt, dass er nur einen Spaß gemacht hatte und wieder zu quatschen angefangen. 

Nun hörte er es ganz deutlich. Es klingelte. 

„Sollen sie nur!“ dachte er, „die können mich mal, wer immer es ist.“

Er blieb sitzen. Da klingelte es erneut. Und nun Sturm. Ein langes, anhaltendes Klingeln. Er hasste diesen lauten Kreischton, so selten er ihn normalerweise hörte. Bestimmt die Schwester, die was vergessen hatte. Aber sie hatte einen Schlüssel. Vielleicht hatte sie ja den Schlüssel liegen gelassen. Das wäre allerdings arg. Dann müsste er aufstehen und sich zur Türe bewegen wegen der Schlampe. Aber eine Weile würde er sie noch zappeln lassen. 

Nun ging die Klingel beständig. Sie hatte wohl ihre Pranke darauf geschraubt.

„Ich komme ja schon!“ sagte er und stützte sich aus seinem Sessel hoch.

Er humpelte an die Türe und betätigte den Öffner. Er hörte sein Summen und das Klacken der Haustüre. Bis sie oben wäre, würde er bereits wieder in seinem Sessel sitzen. Er würde kein Wort mit ihr wechseln. Aber das war sie ja gewohnt. Die Türe ließ er angelehnt. Er saß nun wieder in dem Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Da kam sie herein. Hinter ihr fiel die Türe ins Schloss. Sie kam näher. Er hörte es genau. Auch wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben nicht so trampelte wie sonst. Was sollte das. Wollte sie ihn erschrecken? Er hörte nichts mehr. Sie musste jetzt links hinter ihm stehen. Er hatte den Kopf nach rechts zum Fenster hin gedreht. Sie blieb eine Weile stehen. Er hörte ihren Atem. Der ging schneller als sonst. Wieder hörte er ihre Schritte. Sie kamen näher. Sie trat um den Sessel herum und stand vor ihm. Und nun drehte er sich um und stellte fest, dass er die Frau nicht kannte.

 

 

 

Kap. 2

„Wer sind Sie, was wollen Sie?“ hörte er sich fragen. 

Es war ihm unangenehm, wie sie da stand und ihn betrachtete. 

„Verschwinden Sie! Lassen Sie mich zufrieden!“ fuhr er sie an.

Doch sie blieb vor ihm stehen und ließ ihren kühlen Blick auf ihm ruhen. Sie verunsicherte ihn. Sie war vielleicht um die vierzig, er schätzte sie eher jünger, doch bei solchen Frauen konnte man nie wissen. Eine von ganz oben, überlegte er. Sie hatte Jeans an, die nicht zu eng waren, aber ihre schmalen Hüften betonten. Darüber trug sie eine weiße Bluse und ein gut geschnittenes Jackett aus dunkelblauem Feincord. Sie hatte dunkles Haar mit grauen Fäden, die ihrer Attraktivität keinen Abbruch taten. Auffallend waren ihre schmalen braunen Hände. Hände, die keine schwere Arbeit verrichteten und mindestens einmal im Monat auf dem Tisch der Maniküre lagen. Ihre Fingernägel waren sehr gepflegt, doch nicht lackiert. Überhaupt war sie nicht geschminkt. Ihr schulterlanges Haar glänzte und ihre Haut sah gesund und frisch aus. Ihre grünblauen Augen blickten ihn unverwandt an und als er gerade dachte, wie schön sie wäre, begann sie zu sprechen:

„Kennen Sie mich nicht mehr? Sehen Sie mich einmal genau an! Es liegt schon sehr lange zurück!“

Er überlegte. Nein, ganz gewiss kannte er sie nicht. Er hätte beschwören können, dass er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihre ernste direkte Art faszinierte ihn. Doch fühlte er sich von ihr bedroht, ohne sagen zu können, wodurch.

„Nein,“ sagte er, „ich kenne Sie nicht. Ich habe Sie noch nie zuvor gesehen. Zumindest nicht bewusst. Was soll das, einfach in eine fremde Wohnung einzudringen und solche Fragen zu stellen. Es läge doch wohl an mir, Sie zu befragen.“

„Tun Sie es! Fragen Sie mich!“ sagte sie, ohne den Blick von ihm abzuwenden.

Er zögerte. Wenn er sie gekannt hätte, müsste er sich doch erinnern. Aber nichts fiel ihm ein. Was sollte er sie fragen. Er wollte gar nichts wissen. Er wollte nur, dass sie ging und ihn allein ließ.

„Ich weiß nicht...“ stotterte er.

„Was wissen Sie nicht? Was sie mich fragen sollen? Sie wollen doch wissen, wer ich bin. Oder haben Sie Angst davor, es zu erfahren. Ist es das?“

„Also, wer sind Sie?“ fragte er, um die Sache hinter sich zu bringen. „Aber das habe ich Sie schon gefragt und Sie haben darauf keine Antwort gegeben. Ich habe Sie gefragt, wer Sie sind und was Sie von mir wollen.“

„Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. Kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte.“ begann sie. Auch wenn es kein Märchen ist, so fängt es doch mit „Es war einmal...“ wie ein richtiges Märchen an. Also, es war einmal ein kleines Mädchen, dem die Mutter gesagt hatte: „Gehe mit keinem Fremden mit, vor allem dann nicht, wenn er vom Weg abweicht. Und das kleine Mädchen hatte sich immer daran gehalten.“

„Das Mädchen hatte nicht zufällig eine rote Kappe auf?“ unterbrach er sie unwirsch.

Sie sah ihn an, dass ihm der Atem stockte. Er schwieg, und sie fuhr fort. 

„Eines Tages kam die Freundin des kleinen Mädchens und bat es, mit ihm gemeinsam in die ferne Stadt zu gehen, um einen Freund zu besuchen. Das hätte die Mutter dem kleinen Mädchen niemals erlaubt. Also hat es sich eine List ausgedacht. Sie fragte die Mutter, ob sie bei der Freundin übernachten dürfe. Die Mutter kannte die Freundin, und gab ihre Einwilligung mit der Auflage, am nächsten Abend Punkt sieben Uhr wieder zu Hause zu sein. Die Freundin tat das Gleiche. Sie fragte ihre Mutter, ob sie bei dem Mädchen übernachten dürfte und auch sie durfte. Allerdings wollte die Freundin einen Tag länger in der Stadt bleiben, der Freund hatte ihr versprochen, sie andern Tags zurück zu bringen. Das kleine Mädchen und seine Freundin stellten sich also an die Autobahn und fuhren per Anhalter in die Stadt, in der der Freund der Freundin studierte. Alles ging gut. Doch das kleine Mädchen musste, um pünktlich bei der Mutter zu sein, alleine zurück trampen....“

„Hören Sie auf! Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?“

„Wissen Sie es immer noch nicht? Ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Für den Verlust meiner Seele, für den Verlust meines Vertrauens, für die Qual meiner Jugend, für meine Todesangst und meine Unfähigkeit, einen Mann zu lieben. Ich bin gekommen, um mich an Ihnen zu rächen. Ich bin gekommen, um Sie zu töten. Aber vorher möchte ich, dass Sie leiden. Ich möchte, dass Sie kapieren, wie das ist, wenn man sich selbst verliert. Wenn man keine Nacht mehr ohne Albträume schlafen kann.“

„Woher wissen Sie, wie ich meine Nächte zubringe?“

„Ich weiß es nicht. Woher sollte ich es wissen. Ich kenne nur meine Geschichte.“ 

Sie trat ans Fenster und sah hinaus. Der Mann war ein Wrack. Damit hatte sie nicht gerechnet. Er war kein ebenbürtiger Partner mehr in diesem Akt. Sie zog eine Pistole aus der Tasche und drehte sich nach ihm um. Sie zielte direkt mit der Waffe auf seinen Kopf. Der Mann lachte. Aber sein Lachen war nicht echt.

„Schießen Sie! Worauf warten Sie noch? Ich weiß immer noch nicht, was Sie wollen. Aber wenn es das ist, mich zu erschießen, dann sind Sie kein bisschen weniger jämmerlich als ich. Aber wo bleibt die Folter. Ich bestehe darauf, gefoltert zu werden. Gönnt man mir denn gar keine Empfindung? Haben Sie mir nicht soeben versprochen, leiden zu müssen? Und jetzt würde Ihnen auf einmal ein Schuss genügen? Ein Schuss und es ist vorbei. Aber dann ist auch Ihre Genugtuung vorbei. Spätestens, wenn Sie Ihre Pistole abgewischt und in Ihre Tasche zurück gesteckt haben, wird auch Ihre Befriedigung beendet sein; denn sehen Sie, von diesem einen Moment wird nicht das Geringste zurück bleiben. Sie werden enttäuscht sein. Dann werden Sie von der Polizei gesucht werden und ihre Flucht beginnt. Das Verstecken, das Tarnen. Was wissen Sie schon davon? Darin habe ich Erfahrung. Ich könnte Ihnen vorher einige Tips geben; denn wie Sie wissen, bin ich nie erwischt worden. Sie sind mein einziger Fehler! Also, entweder Sie erschießen mich jetzt endlich oder Sie hauen ab und überlegen sich erst ihre Taktik. Aber machen Sie sich nicht lächerlich.“

„Wie meinen Sie das: Ich bin Ihr einziger Fehler? Dass Sie mich am Leben ließen? Das verdanke ich einzig meiner Taktik. Haben Sie mich verstanden?“

Sie sah ihn an und ihre Gedanken gingen zurück zu jenem denkwürdigen Tag. Lange hatte sie damals nicht an der Autobahnauffahrt gestanden. Bereits nach wenigen Minuten hatte er gehalten. Er war vielleicht Mitte vierzig, kaum jünger als ihr Vater. Für sie schon ein alter Mann. Während der Fahrt hatte sie ihn von der Seite betrachtet. Sein Haar war farblos blond, beinahe transparent, kurz geschnitten und glatt war es an der Stirne bereits stark gelichtet gewesen. Jetzt hatte er nur noch wenige graue Strähnen. Seine Nase hatte sich nicht verändert, nur dass jetzt graue Borsten daraus wuchsen. Sie war nicht ungewöhnlich groß, doch wirkte sie mächtig, weil sie wie ein Dach seine untere Gesichtshälfte überragte. Er hatte einen starken Überbiss und ein eingedrücktes Kinn, mit einem enormen Grübchen in seiner Mitte. Daran hätte sie ihn jederzeit wieder erkannt. Sie erinnerte sich an dieses fliehende Kinn, das direkt in einen roten Hals übergegangen war, der wie trichterförmig eingesogen im Hemdkragen verschwunden war. Heute hingen da nur noch trockene Hautlappen, die mit Pusteln vom Rasieren übersät waren. Schon damals hatte Klara an einen Truthahn gedacht, dem er nun noch ähnlicher sah. Jede Einzelheit kam ihr wieder in den Sinn, als sie vor ihm stand. Er hatte eine beigefarbene Gabardinehose, einen schokoladebraunen Pullunder mit einem gelben Streifen um den V-Ausschnitt und darunter ein hellblau - weiß gestreiftes Hemd getragen. Seine Füße hatten in braunen, geflochtenen Sandalen und hellbeigen Socken gesteckt. 

„Wie kann man sich nur so anziehen?“ hatte sie gedacht. „So scheußliche Sandalen, und dann noch mit Socken!“

„Es war in einem Waldstück bei Kehlheim. Ich habe mitgespielt, um am Leben zu bleiben. Ich bin am Leben geblieben. Dieses Glück hatten andere nicht.“ sagte sie.

„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen, wenn Sie das wussten?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe mich schuldig gefühlt. All die Jahre habe ich mich schuldig gefühlt. Weil ich am Leben geblieben bin. Und ich habe mich geschämt. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte Angst.“

„Hatten Sie keine Angst, dass ich es wieder tun würde? Hatten Sie so wenig Verantwortungsgefühl, nicht zur Polizei zu gehen, um andere zu schützen? Sind Sie nicht deshalb genau so schuldig wie ich?“ 

„Genau so fühle ich mich. Allerdings habe ich erst sehr viel später daran gedacht, dass Sie der Autobahnmörder sind. Und dann war ich nicht sicher, ob es stimmt, oder nicht.“

„Erlauben Sie mal, Sie wussten meinen Namen und gingen nicht zur Polizei! Erzählen Sie mir nicht so einen Blödsinn. Nur weil Sie auf Ihre persönliche Rache nicht verzichten wollten, haben Sie in Kauf genommen, dass andere Mädchen sterben. Sie sind schuldig. Übrigens erinnere ich mich jetzt sehr entfernt an Sie. Sie waren ein Kind.“

Sie war höchstens vierzehn gewesen, kaum entwickelt, hatte lange staksige Kinderbeine gehabt und ein bräunliches, auffallend hübsches, etwas exotisches Gesicht. Ihr schwarzes Haar war im Nacken zu einem Zopf geflochten. Er erinnerte sich besonders an die Farbe ihrer Augen. Sie waren nicht blau und nicht grün; irgend etwas dazwischen. Sie hatte einen dunkelblauen Faltenrock, dunkelblaue Kniestrümpfe, schwarze Collegeschuhe, und einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt getragen, über den der Kragen einer weißen Bluse geschlagen war. Sie hatte in Freimann gestanden, um nach Nürnberg mitgenommen zu werden. Wie eine Tramperin hatte sie nicht gerade ausgesehen. Eher wie ein verwöhntes Schulkind aus einem reichen Elternhaus.

„Ich war vierzehn!“

„Sind Sie Schauspielerin geworden? Sie haben damals nicht schlecht gespielt. Ich zumindest habe Ihnen geglaubt.“

„Nein,“ sagte sie, „keine Schauspielerin. Was geht das Sie an? Ich habe mitgespielt, um am Leben zu bleiben“ 

Sie sah die Situation vor sich und fühlte einen Brechreiz hoch steigen. Dann ging sie auf ihn zu. Sie hielt ihm die Pistole an die Stirne und drückte ab. Sie sah, wie sich seine Hose dunkler färbte. Der Mann hatte sich in seiner Todesangst eingenässt. Sie drehte sich um und verließ ihn. An der Türe hingen Schlüssel, die sie der Reihe nach ausprobierte. Sie nahm den richtigen vom Haken, steckte ihn ein und ging. Für heute hatte sie genug.

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Johann-Peter 02/20/2009 10:53

Sehr ergreifende Texte. Bin richtig erschlagen.