Septemberblues

Veröffentlicht auf von acron

Sir Gordon Mortimer Cox, Mitglied im englischen Parlament und Kanditat der Liberalen legt alle Ämter nieder und wandert nach Italien aus. Er ist Historiker von Beruf und steht offen zu seiner Homosexualität, was ihm hinsichtlich seines Namens den leisen Spott seiner Kollegen im Parlament einbringt. Sie nennen ihn Lord Cocks oder Lord of the cocks. Seine Freunde nennen ihn Morty. Er hatte sich in einen jungen Mann verliebt, der ihn in kürzester Zeit um sein Vermögen gebracht hatte und will nun in Italien ein neues Leben beginnen. Obwohl mancher in der ländlichen Gegend in Mittelitalien sich erst an seine unverhohlen gezeigte Homosexualität gewöhnen muss, findet er schnell Anschluss. Bald wird er hoch geachtet. Das geht so lange gut, bis er sich in einen jungen Marokkaner verliebt, der ihn allmählich in den völligen Ruin treibt. Dagegen hat sein Erlebnis in England die zerstörerische Dimension eines Sonntagsspaziergangs.

Es ist die Geschichte eines Menschen, der sich mit Bedacht selbst ausliefert und von einer Katastrophe in die andere schlittert. Er ist das Paradebeispiel eines Existenzialisten, der nie seinen Stolz, seine Lust am Leben und seinen manchmal bitterbösen Humor verliert.

Leseprobe
Erstes Kapitel - Ankunft
 

1

Hätte Sir Gordon Mortimer Cox, genannt Morty, geahnt, was in Italien auf ihn zu kommen würde, wäre er in England geblieben. Vielleicht wäre er aber auch trotzdem gegangen, vielleicht sogar deshalb. Immerhin konnte man ihm zugute halten, dass er einen Neuanfang zumindest versuchte. Er packte die Sachen, die ihm noch verblieben waren, in sein Auto, das ihm noch verblieben war und schloss die Türe des Hauses, das ihm nicht mehr gehörte, hinter sich. Nach kurzen und langen Umarmungen von Freunden, Feinden, Bekannten und Verwandten machte er sich, begleitet von Art, der im Begriff war, alles zu verlieren, aber noch Hoffnung auf Besserung hatte, auf den Weg. Er war nicht unglücklich. Simon winkte, wischte sich etwas vom Auge und lachte. Eine leise Wehmut ergriff Morty als er zu seinem Bruder sah, nicht mehr. Er drehte sich um und stieg in seinen Morris Miner. Der Schlüssel steckte bereits im Zündschloss. Eine leichte Rechtsdrehung und er fuhr los. Art folgte mit seinem eigenen Wagen, der ebenfalls mit Utensilien seines Freundes gefüllt war. Dieser sah nicht mehr zurück. Er freute sich auf die neue, aufregende Welt, die er noch nicht kannte, und die wie ein neues Buch, das er begierig war, zu lesen, vor ihm lag. 

 

 

2

Der Tag war ungewöhnlich schön für die Gegend hier in Südengland. Die Sonne schien. Die Luft war klar. Es hatte tagelang geregnet und das Land präsentierte sich ihm frisch gewaschen als wollte es ihn verhöhnen. 

„Gib dir keine Mühe!“ lachte er. „Ich habe mich entschieden.“

Morty hatte mit fünfundfünfzig seinen Dienst hingeschmissen und war in Rente gegangen. Damit hatte er freiwillig auf Geld verzichtet. Er war Lehrer für alte und neue Geschichte an einer High school gewesen, und nun war er Rentner. Frührentner. Mit dem Geld, das er für sein Haus noch bekommen hatte, dem Erbe, das sein Bruder ihm ausbezahlt hatte und der Rente konnte er gut leben. In Italien würde er nicht viel benötigen. Er hatte bei seinem letzten Besuch bei Peter und Richard, die einige Jahre zuvor ausgewandert waren, ein Haus in deren Gegend erstanden. Es hatte viel Land darum herum, einen ganzen Berg, der nun ihm gehörte und war sofort beziehbar. Für Einhundert und zehn Millionen Lire. Das war nicht viel. Einen Teil hatte er bereits bezahlt. Genauer gesagt, etwas mehr als die Hälfte. Den Rest würde er allmählich abstottern. Das wäre kein Problem. Weder für ihn noch für Signor Buroni, der es ihm verkauft hatte. Unter dem Wohnbereich war ein Stall mit zwei geräumigen Boxen, in dem er einen Esel und Pferde halten würde. Er sah sich bereits von seinen Hunden gefolgt durch seine eigenen Wälder reiten. Kein Wunder, dass er glücklich war. Yorckshireterrier Freya und Labrador Lotti lagen neben ihm im Auto. Lotti, im Fußraum und die kleine Freya auf dem Beifahrersitz. Den beiden Hündinnen war es egal, wohin ihr Herr sie führte. Hauptsache, sie waren bei ihm. Die Hälfte der Wegstrecke nach Dover war bereits zurückgelegt, als sich der Himmel verdunkelte, und wenige Minuten später begann es zu regnen. Nebel stieg aus den Feldern, und war die Luft noch eine Stunde zuvor klar gewesen, so nahm man jetzt nur noch mit Mühe die Straße wahr. Nichts war mehr zu sehen außer den weißen Randbegrenzungen der Autobahn und dem milchigen Dunst, der Erde und Himmel eins werden ließ und den Horizont eliminierte. So kannte er die Welt, die er nun verließ. Es regnete als sie England verließen, und es regnete als sie mit der Fähre über den Kanal fuhren. Als das Schiff in Calais anlegte regnete es noch immer, während in Italien die Sonne schien. Das hatten ihm seine Freunde am Telefon gesagt, bevor er und Art sich am Morgen auf den Weg gemacht hatten.

 

 

3

Auch wenn sein Weggang einer Flucht gleichkam, war er Phil im Nachhinein dankbar; denn ohne ihn hätte er sich vermutlich nicht zu diesem Schritt durch gerungen. Er hatte ihn geliebt. Mehr als alles andere auf der Welt. Nie würde er vergessen, wie er den damals achtzehnjährigen an der Bar von Macy‘s Pub gesehen hatte. Seinen Gin Tonic in der Hand, an dem er eines Tages zu Grunde gehen würde. Er spülte sich damit allmählich das Hirn aus dem Schädel. Doch damals war er für Morty der Inbegriff der Schönheit gewesen. Das gesamte Bild. Ein braungebrannter Junge, der sich mit dem rechten Ellenbogen auf die Messingreling des Tresens stützte und den anderen Gästen sein ebenmäßiges Halbprofil und eine ansehnliche Rückenpartie bot. Er trug Turnschuhe, deren Bänder nicht zugebunden waren, vermutlich ein Modetrend, der gerade „in“ war und als „cool“ galt, beides Adjektive, die dem Zeitgeist ihren Tribut zollten und von jenen die ihn erbrachten mit ernsthafter Selbstverständlichkeit erfüllt wurden. Er trug kurze, ausgefranste weiße Jeans, die seinen Hintern gut zur Geltung brachten, was dadurch noch verstärkt wurde, dass er seinen rechten, unbestrumpften Fuß auf eine weitere Messingstange gestellt hatte, die in Knöchelhöhe den Tresen umlief. Seine Beine waren muskulös und braun, doch hatten sie noch die gewisse Zartheit, die Morty mit Kinderpuder assoziieren ließ. Der Duft der Jugend ging von ihm aus. Faszinierend und mit nichts vergleichbar. Das hellblaue Hemd kontrastierte mit der dunklen Haut und hing offen über der Hose. Ein dunkelbrauner Gürtel mit Messingschnalle gab den Bauchnabel und eine durchtrainierte, wenig behaarte Brust preis. Schwarze Locken hingen ihm in die Stirn, die leicht gerunzelt war, während ein tiefblaues Augenpaar den Eintretenden über den Rand des Glases hinweg taxierte. Morty verliebte sich auf der Stelle Er sprach ihn an.

„Hi Darling, was trinkst du?“

„Gin Tonic!“

„Oh mein Gott! Was sagt Mum dazu?“

„Mach mir auch einen!“

„Was für eine Frau! Sie sollte besser aufpassen auf ihr Baby!“ sagte Morty und zum Barkeeper:

„Mach mir auch einen!“

„Du lernst schnell!“ lachte Phil. „Hi Mum, ich bin Phil!“

„Zwei!“ sagte Morty zum Keeper. „Ich bin Gordon Mortimer, Baby!“ wandte er sich wieder dem Jungen zu.

Es gefiel ihm besser als Morty, zumal Morty Cox sich seiner Meinung nach entsetzlich anhörte. War schon Cox ein dämlicher Name, besonders für einen Schwulen, so gaben ihm doch die fünf Silben die durch die Aufteilung zwei und drei sowie die Tatsache, dass sie beide auf der ersten Silbe betont waren zumindest vom Rhythmus her einen gefälligen und vor allem seriöseren Anstrich. Am lächerlichsten allerdings empfand er es, wenn man ihn Sir Cox nannte. Jedes Mal, wenn ihn der fette Cameron von den Konservativen im Parlament so angesprochen hatte, mit diesem ganz speziellen Unterton, hatte es zu schallendem Gelächter geführt. Viele nannten ihn süffisant: „Lord of the cocks“, was ihm naturgemäß nicht gefallen konnte, obwohl er zugeben musste, dass dem Ganzen eine gewisse Komik inne wohnte, der auch er sich nicht verschließen konnte.

„Morty Cox!“ sagte Phil, der Bescheid wusste. 

Er hatte sofort gesehen, wen er da vor sich hatte. Im Laufe der Zeit hatte er sich einen Blick antrainiert, mit dem er augenblicklich sein Gegenüber einordnete und der ihn nur selten trog. Sehr viel mehr hatte er nicht gelernt. Sehr viel mehr brauchte er nicht, um gut durchs Leben zu kommen. Er sah auf Anhieb, dass der Mann von oben kam, Geld hatte, Bildung besaß, geachtet und, was sein Instinkt ihm als dessen besonders ausgeprägte Eigenschaft verriet, großzügig war. Als er nun den Namen hörte, erinnerte er sich daran, dass er ihn von den Wahlplakaten der Liberalen kannte, deren Kandidat Morty war. „Vote Cox!“ stand darauf zu lesen. Auf den meisten Plakaten war das x durchgestrichen und ck darüber gemalt. „Vote Cocks“ hatte ganz England belustigt, und Morty besonders die Herzen sämtlicher Gays zufliegen lassen. Der Barkeeper stellte die Gin Tonics vor die beiden hin. Phil verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und fingerte in seiner Hemdentasche. Er zog ein Päckchen Zigaretten daraus hervor und hielt sie Morty hin, der sich bediente. Nun stellte Phil sich frontal zur Bar. Er sagte zum Keeper:

„Hast du Feuer?“

Er hatte selbst ein Feuerzeug. Doch wollte er Morty die Bewegung seines Körpers zeigen. Ganz zufällig ließ er ein wenig seinen Bizeps spielen und streckte die Brust vor. Dieses Spiel beherrschte er vollkommen. Er wusste um die Wirkung jeder einzelnen seiner Bewegungen und registrierte befriedigt dass sie auch diesmal ihr Ziel nicht verfehlten. Noch bevor der Mann hinter dem Tresen ein Kärtchen mit Streichhölzern gefunden hatte, hatte Morty sein Feuerzeug schon angeknipst und hielt es Phil hin. Im flackernden Lichtschein des Feuers betrachtete er sein Gesicht, dessen Anmut und Zartheit etwas feminines hatten.

„Was für ein schöner Junge!“ dachte er, während Phil sich mit dem Anzünden Zeit ließ. 

Schließlich sollte Morty ihn gebührend betrachten können. Phil wusste, dass diese ersten Minuten entscheidend für die Beziehung und vor allem für die Machtverhältnisse innerhalb derselben wären. Seine langen Wimpern zitterten während er mit leicht geblähten Nüstern seine Zigarette entzündete. Dabei legte er wie zufällig seine Hand auf diejenige Mortys, die ihm das Feuerzeug hin hielt. Endlich hatte er es geschafft; die Zigarette brannte. Er schlug die Lider auf, sah Morty direkt in die Augen, bemerkte dessen Entzücken und lächelte.

„Thanks!“ 

Es war genauestens berechnet. Endlich hatte er mal einen richtig dicken Fisch an der Angel. Es wurde aber auch höchste Zeit; denn Phil war abgebrannt und hatte nichts außer Schulden.

 

 

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