Dialog

Veröffentlicht auf von acron

William Shakespeare erscheint einer Übersetzerin im Traum. Er unterhält sich mit ihr über seine Stücke, sein Leben, seine Zeit, seine Sicht auf die Dinge, und sie schildert ihm ihre Probleme bei den Übersetzungen, die sie bisher von seinen Stücken gemacht hat, den Kollegen im Theater und ihre Sicht auf die Dinge. Bald entwickelt sich eine richtige Traumbeziehung, die außerhalb von Zeit und Raum die Illusion zur Wahrheit erklärt und die Wahrheit als Illusion hinterfragt. Der Widerspenstigen Zähmung, Ein Sommernachtstraum, Was Ihr Wollt, und Der Sturm werden in sehr persönlicher Draufsicht determiniert und ihr die Jahrhunderte überdauernder politischer Wert unter die dialektische Lupe genommen, kritisiert und analysiert.
In der Gesamtkonstruktion wird Shakespeares Theater mit dem heutigen Theater verglichen und dazwischen zeitlos über das Schauspielen philosophiert.


Leseprobe

1

Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt. Das heißt, ich hatte ihn mir überhaupt nicht vorgestellt. Schließlich kannte man die alten Kupferstiche, die den Mann mit dunklen, schulterlangen Haaren, gezwirbeltem Schnurrbärtchen und schmalem Gesicht unschätzbaren Alters zeigten. Doch hier saß mir ein Mann in den besten Jahren gegenüber, der in einen leichten hellen Sommeranzug von Heute gekleidet war. Er sah gut aus, das musste man neidlos anerkennen. Wo hatte er diese Klamotten her? Wahrscheinlich gibt es im Jenseits bessere Modedesigner als im Diesseits. Er sah meinen Blick und lehnte sich zurück.

„Versace!“ sagte er. „Gianni Versace!“ 

Er strich sich über seine Haare und fuhr fort:

„Jeder geht schließlich den gleichen Weg. Wie auch immer. Seit Gianni bei uns im Olymp der Unsterblichen weilt, legen wir Wert auf unser Äußeres.“ 

Ohne dass ich ihn gefragt hatte, begann er über Freundschaft zu sprechen.

„Falls Sie mich fragen wollen, ob wir befreundet sind: Freundschaft ist nicht mehr als ein Wort und abgestanden wie altes Wasser.“

Ich hatte nicht vor gehabt, ihn zu fragen.

„Sir, war dies das, was man allgemeinhin einen typisch Shakespearschen Kernspruch nennt?“ fragte ich.

„Ihre Frage ist an Banalität nicht zu überbieten.“ antwortete er. „Dann darf dies auch jedweder Kernspruch für sich in Anspruch nehmen. Mag sein, dass er typisch ist. Banal ist er allemal! Ich passe mich an. Aber passen Sie auf! Übrigens, dies das, was soll das? Dies dürfte so gut wie das sein. Bedeutungslos wie die Freundschaft, die ich soeben erwähnte.“

Ich verstand ihn nicht. Er schien es in meinem Gesicht gelesen zu haben, denn er stand auf.

„So kommen wir nicht weiter, gute Frau!“ sagte er und sah auf die imaginäre Uhr an seinem Handgelenk.

„Bitte setzen Sie sich wieder!“ flehte ich ihn an. 

Er brummte und setzte sich wieder. Ich sah sein Handgelenk und die Uhr, die er nicht trug und dachte mir:

„Dem werd ich‘s zeigen!“

Laut fragte ich ihn:

„Können Sie mir vielleicht sagen, wie spät es ist?“

„Nein,“ konterte er, der meine Absicht, ihn aufs Glatteis zu führen, durchschaut zu haben schien. „das kann ich nicht. Und wenn ich es könnte, würde ich es dennoch nicht tun. Mal ganz abgesehen davon, dass es Ihnen nicht weiter helfen würde. Es würde weder die Zeit, die Sie noch zu Ihrer Verfügung haben, verlängern, noch ihre Wartezeiten, sofern es etwas geben sollte, was Sie freudig erwarten, verkürzen.

Ich wollte lachen, zumindest hatte ich es mir vorgenommen, aber es misslang. Ihm dagegen schien es nicht das Geringste auszumachen. Er setzte sich wieder hin und lachte. Er lachte sogar laut. 

„Stellen Sie sich nicht so an, gute Frau, Sie haben mich hier her bestellt und nicht ich Sie. Sie haben gesehen, dass meine Uhr eine imaginäre ist und haben mich dennoch nach der Zeit gefragt. Glauben Sie mir, auch die Zeit ist etwas Imaginäres. Wir haben nur dann Zeit, wenn wir sie nicht mehr benötigen. Dann quält uns die Ewigkeit indem sie uns Löcher in den Pelz brennt. Diese gottverfluchte, brennende Ewigkeit, der wir nicht entrinnen. Auch in der temporären Dummheit, in die wir fliehen können, wenn uns jemand aus Eurer Welt ruft, um uns mit törichten Fragen zu langweilen, finden wir keinen Trost, da wir in der Ewigkeit zu Hause sind. Was wollen Sie? Einsteins Erkenntnistheorie? Das Paradoxon von Zeit und Raum? Die Zerstörung? Wovon? Warum, beziehungsweise wozu? Frage: Haben wir das nötig? Antwort: Nein! Frage: Warum tun wir es also? Antwort: Deshalb! Sehen Sie meine Gute, diejenigen Fragen, die man im allgemeinen als existenziell bezeichnet, um sie der Bedeutungslosigkeit anheim zu stellen, haben auch uns zu Lebzeiten beschäftigt.“

„Zum Beispiel?“ hakte ich nach.

„Na, zum Beispiel: Wer ist Gott? oder Wo ist Gott? oder Bin ich mir selbst Gott genug, um diese Frage zu stellen? Aber um zu meinem Blick auf meine imaginäre Armbanduhr und Ihre sich daran anknüpfende Frage nach der Uhrzeit zurück zu kommen, die in Wahrheit, genauer gesagt, in naiv geäußerter Wahrheit, die in mir weit mehr noch, als den Wunsch, sie zu beantworten, eine idiosynkratische Reaktion hervorruft, die mich veranlassen könnte, in meine nicht existente Existenz zurück zu schweben: Im Zentrum eines schwarzen Loches bleibt die Zeit stehen!“

Er schmatzte befriedigt und lehnte sich zurück, als hätte er einen wirklich großen Wurf gelandet. Ich wollte fragen:

„Sie kennen Einstein? Woher? Hat er nicht ein paar hundert Jahre nach Ihnen gelebt?“

Aber ich ließ es. Auch fiel mir ein, dass er Gianni Versace kannte. Und wenn es einen Olymp der Unsterblichen gab, war auch Einstein einer seiner Insassen. Wer, wenn nicht er? Also versuchte ich seine eitle Pose zu ignorieren. Stattdessen insistierte ich:

„Was bedeutet das für uns und unser Gespräch?“

Ich kam mir sehr hilflos dabei vor. 

„Nun ja, das Nichts ist ewig,“ sagte er und der Anflug eines Lächelns umspielte seine Lippen, um seinen Satz zu beenden „und alles ist nichts!“

„Dann wäre der eigene Leib nichts weiter als eine Phantasmagorie?“ fragte ich mit einer gewissen verzweifelten Ratlosigkeit. 

„Und ob! Für immer und ewig! Das haben Sie glasklar erkannt und aus Ihrer Erkenntnis messerscharf gefolgert.“ lachte er, und für einen Moment dachte ich:

„Der Kerl lacht mich aus.“

Ich sagte:

„Dann kann ich ja mit meiner Diät aufhören!“

„Tun Sie das! Tun Sie das! Es spielt keine Rolle. Denken Sie an etwas anderes. Zum Beispiel, dass es ein Leben vor dem Tod geben könnte!“

„Warum dieser Konjunktiv?“

„Nun, warum nicht? Was gäbe es Günstigeres bezüglich dieses Themas zu vermuten, als einen Konjunktiv, meine Gute?“

Nun war ich vollends verunsichert. Ich hatte mir so viele Fragen zurecht gelegt und war nun gar nicht mehr sicher, ob ich sie beantwortet wissen wollte. Auch mochten viele mir nun partout nicht mehr einfallen, als befände sich mein Geist in einem schwarzen Loch, in dem es allerdings weder Zeit noch Raum gibt. Doch da fiel mir eine Frage ein, deren Belanglosigkeit mir gleichzeitig bewusst wurde, die ich mir aber dennoch nicht nehmen ließ, zu stellen.

„Wie kann in einem schwarzen Loch die Zeit still stehen, wenn es darin weder Zeit noch Raum gibt?“ 

Ich fragte ihn und dachte gleichzeitig, dass die Frage durchaus so belanglos nicht war. Ich sah ihm direkt in die Augen. Nun hatte ich ihn! Sein Lächeln nahm an Süffisanz zu, doch nun wusste ich, dass er sich mit mir unterhalten würde. Auch über irdische Dinge, wie seine Stücke, seine Gedichte und vor allem die Übersetzungen derselben in die Deutsche Sprache, die zufällig die meine war. Noch wartete ich auf seine Antwort, die indes nicht lange auf sich warten ließ.

„Was nicht existent ist, kann nicht still stehen; das haben Sie sehr genau erkannt. Und die Erkenntnis dieses Umstands hat sie zu der Frage veranlasst, die sie mir soeben gestellt haben. Und sehen Sie, ich kann sie nicht beantworten. Nun könnte man sagen, Nichtexistenz ist eine Art Stillstand. Doch höre ich bereits Ihren Einspruch, um mich eines Besseren zu belehren. So, wie ich Sie im Laufe unserer wenigen Sätze, die wir miteinander gewechselt haben, kennen gelernt habe, vermute ich, dass Sie zu der Spezies Mensch gehören, die immer das letzte Wort haben muss und sich mit Ungenauigkeiten durchaus nicht zufrieden geben kann, wiewohl Sie selbst zum Verallgemeinern neigen und dabei nicht selten ungenau sind. Ich könnte sagen, dass nicht Existierendes nicht zu allen Zeiten inexistent gewesen sein muss, also irgendwann einmal still gestanden sein kann, doch da wären wir wieder beim Faktor Zeit, der allerdings die Existenz bekämpft. Alles was war ist inexistent. Was ist, wäre zu überdenken, doch reicht die Zeit nicht aus, und was sein wird, ist irrelevant, da unbekannt. Ich denke, es genügt, um einen Sinn als Unsinn darzulegen, denn der einzige Sinn liegt tatsächlich im Unsinn.“

Ich sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Was für eine Unverschämtheit! Woher wollte er wissen, dass ich das letzte Wort haben musste, und dass ich selbst Genauigkeit einfordere, ohne selbst genau zu sein? Natürlich ist es mir lieber, wenn eine Aussage logisch ist und nachvollziehbar, aber was er da gesagt hatte, traf mich. Besonders die Unterstellung, dass ich angeblich zu Verallgemeinerungen neige, verärgerte mich, zumal ich zugeben musste, dass an all dem, was er soeben von sich gegeben hatte, zumindest ein Körnchen Wahrheit steckte. Nach drei Sätzen hatte er schon eine solche Meinung von mir. 

„Woher weiß er das alles? Was macht ihn da so sicher?“ dachte ich. „Bin ich so leicht zu durchschauen?

Er sah das Erstaunen in meinem Gesicht und sagte:

„Ihre Ratlosigkeit gefällt mir. Fangen wir an!“

„Eins zu Null für ihn!“ dachte ich nun und stellte ihm meine ersten Fragen. 

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Thomas M. 02/23/2009 11:03

Ich habe es im Buchhandel nicht aufgetrieben. Haben Sie es noch nicht verlegt? Dann sollten Sie es tun. Es gibt meiner Ansicht nach nichts Vergleichbares.