Theaterschreiben

Veröffentlicht auf von acron

Didaktischer Ratgeber, der Schritt für Schritt auf dem Weg zum „eigenen Stück“ begleitet. In vierzehn ausführlichen Kapiteln werden Theorie, Grundlagen und Konzept des szenischen Schreibens für das Theater vermittelt, Bespiele aus der Literatur angeführt und zahlreiche Übungsaufgaben gestellt.


Textprobe


1 - Einführung


FASZINATION

 

Für mich hatte das Theater immer eine große Faszination. 

Als Kind konnte ich alljährlich kaum die Weihnachtszeit erwarten, in der zunächst der Kindergarten, später die Grundschule zu den Märchenvorstellungen in die Opernhäuser der größeren Städte im Umkreis lud. Mit Theater verbinde ich noch heute die Aufregung, die sich schon Tage zuvor einstellte, täglich steigerte und ihren absoluten Höhepunkt hatte, wenn das Orchester die Kakophonie der zu stimmenden Instrumente verlauten ließ, die einzelnen Lichter des riesigen Kristallkronleuchters allmählich verlöschten und sich nach dem ohrenbetäubenden Gelächter und Geschnatter von tausend Kinderstimmen ein Augenblick der atemlosen Stille auf uns hernieder senkte, und der Vorhang sich öffnete. 

Die magische Langsamkeit seiner Bewegung, der schwere, rote, schimmernde Samt mit den goldenen Tressen, der im nächsten Moment den strahlenden Zauberglanz der Bühne aufleuchten ließ und uns, die wir im Dunkel saßen, in die Welt der Hexen, Feen und anderer Fabelwesen entführte, hat in mir eine große, unsterbliche Liebe ausgelöst. Meiner weltlichen Identität enthoben, war ich selbst es, die dort für das Gute kämpfte, aus den Fängen des bösen Drachen befreit und mit der Liebe des mutigen Prinzen belohnt wurde. Ich streckte den Feind zu Boden, ich war es, die das Leben wieder lebenswert machte, indem ich den Dämon besiegte, dessen rollendes Augenpaar mir soeben noch die größte Furcht eingeflößt hatte. Und wie die anderen Kinder im Zuschauerraum fieberte ich dem guten Ende des Märchens entgegen, das, wenn seine Apologeten nicht gestorben sind, bis heute lebendig geblieben ist.

Das Wort "Theater" kommt von theastai - schauen, anschauen, betrachten. Der Zuschauerraum ist das "Theatron", der Ort, in dem das Geschehen auf der Bühne seine Vollendung erfährt. Auf der Bühne wird der Funke erzeugt, um in den Seelen der Schauenden zur Lohe zu werden.

 

ILLUSION

 

Von jeher war das Theater für mich ein Raum der Illusionen, in den ich eintauchen und meinem banalen Dasein entfliehen konnte. Hier herrschten andere Gesetze, galten andere Wahrheiten, taten sich andere Konflikte auf. Gleichsam auf Engelsschwingen wurde man fortgetragen in den rauschenden Äther von Scheinwelten, die für die Dauer der Aufführung ihre Brüchigkeit verloren und zu einer neuen, unendlichen Möglichkeit wurden, deren Realität sich noch lange in meinem Körper niederschlug. Taumelnden Schrittes verließ ich das Schauspielhaus, mit der Gewissheit, dass mein Leben nun ein anderes geworden war. Ich hatte mich verändert. Alles hatte sich verändert. 

 

ESSENZ

 

Gutes Theater verändert.

Das ist auch heute noch meine Auffassung.

Theater ist nicht wider gespiegelte Wirklichkeit. Theater ist Essenz. Theater kann absurd sein. Und oft zeigt sich gerade in der Absurdität die Wahrheit des Lebens, die in einer "Eins zu Eins" gespiegelten Wirklichkeit nur trivial wirken würde. Theater ist Illusion, Theater ist Gefühl. Gutes Theater lebt vom Minimalismus. Gutes Theater lebt. Es ist real, eine andere, lebendige, nicht alltägliche Realität. Übrigens ist jegliche wahrhaftige Form von Kunst minimalistisch und auf das Wesentliche beschränkt, was sie braucht um sich auszudrücken. 

 

SCHREIBEN KANN MAN NICHT LERNEN

 

Das Fünkchen Wahrheit, das mehr oder weniger jeden Topos begründet, liegt ganz gewiss auch in diesem Satz. Und doch ist er falsch. Vielmehr müsste er lauten:

"Eine Begabung zum Schreiben hat man oder hat man nicht!"

Ich gehe davon aus, dass ein Mensch, der den Wunsch zu schreiben in sich verspürt, auch über ein gewisses Maß an Talent verfügt, das diesen Wunsch erst in ihm weckt. Alles andere jedoch kann man lernen, ja, muss man sogar lernen; in der Schule beispielsweise, durch Hören, durch Lesen, durch eigene Schreibversuche, durch kompetente Kritik, durch Geduld, durch Vertrauen, Selbstvertrauen, Beharrlichkeit und Fleiß.

In der Schule - zumindest in einer weiter führenden Schule - werden gewisse Schreibtechniken einstudiert; doch reichen zumeist weder Pensum noch Kapazität noch Kompetenzen der Pädagogen aus, um über ein normales Maß hinaus zu lehren, das sich oft in "Einleitung, Hauptteil, Schluss" erschöpft. Und nicht selten sind es gerade die begabten Schüler, die auf der Strecke bleiben, da sie sich nicht so leicht in vorgegebene Formen pressen lassen, die zunächst die Phantasie einengen und begrenzen. Dennoch ist es in erster Linie die Sache der Schule, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die notwendigen Minimalgrundlagen des Schreibens, Satzbau, Rhetorik, Grammatik zu vermitteln. 

 

MEDIUM SPRACHE

 

* Wie baut man Spannung auf? 

* Wie erzeugt man Gefühle? 

* Wie beschreibt man Gemütszustände? 

* Was lässt man unausgesprochen? 

* Was ist überflüssig? 

* Was ist notwendig?


All diese Fragen stellen sich erst, nachdem man sich die grundsätzliche Frage, gewissermaßen die Basisfrage schlechthin, beantwortet hat: 

 

Was will ich eigentlich? Was soll mein Text transportieren?

 

Denn Sprache ist mehr oder weniger nichts anderes, als das Vehikel für Sinn. 

Der Beipackzettel für ein Medikament muss anders geschrieben sein, als eine Erzählung, ein Krimiautor wird eine andere Form wählen müssen, als der Verfasser einer wissenschaftlichen Evaluierung. Im historisch authentischen Roman wird eine gänzlich andere Diktion benutzt, als in einem didaktischen Lehrbuch. Und nirgends wird Sprache differenzierter definiert, als im Theater, da ihr Sinn erst in der Zusammenarbeit mit den Theatermachern transportiert wird.

 

ANS ANDERE UFER 

 

Die Sprache ist es, die den Funken trägt. 

Und der Autor hat die Aufgabe, eine Sprache zu finden, die es den Schauspielern ermöglicht, das Feuer zu entfachen. Dabei gibt es unterschiedliche Herangehensweisen.

Wichtig ist, dass man sich vorher klar macht, was man erreichen will. So wie Stanislawski den Weg des Schauspielers zur Verwirklichung seiner Rolle mit einem Weg über einen Bach vergleicht, so sehe ich auch die Arbeit des Autors. Das Ziel ist das andere Ufer. Doch wenn der Bach zu breit ist, um dieses mit einem einzigen Sprung zu erreichen, muss man sich den Weg einteilen, bzw. kleinere, erreichbare Teilziele suchen, Steine, die wiederum zur Absprungbasis für das nächste Teilziel werden. 

Für den Theaterautor sind dies die Akte, die er sich in einzelne Szenen unterteilen kann. Von der Idee bis zur Lösung, dem tragischen oder versöhnlichen Ende - je nach Genre - muss er sich seinen Weg suchen, und er muss dem Publikum die Möglichkeit geben, ihm auf diesem Weg zum anderen Ufer zu folgen.

 

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