Die Hut

Veröffentlicht auf von acron

Ferdinand Modersohn wird von einem Lkw erfasst. Bevor er stirbt rollt sein Leben vor ihm ab. Es ist das armselige Leben eines von Angst und Hypochondrie bestimmten Sachbearbeiters bei der Krankenkasse, das sich zwischen Aktendeckeln und Arztbesuchen abgespielt hat.
Er erfährt, dass er tatsächlich an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und höchstens noch sechs Monate zu leben hat. Er beschließt, zu reisen, um noch etwas von der Welt zu sehen. Schon bei seiner ersten Station, in Thailand, verliebt er sich in eine Hermaphroditin, die als Nachtclubtänzerin arbeitet und bleibt dort. Er, der früher mehrere Semester Kunst studiert hat, fängt wieder zu malen an, und hat damit sogar Erfolg. Aus dem halben Jahr werden drei Jahre, in denen er nicht nur nicht stirbt, sondern aufblüht und besser und gesünder aussieht als je zuvor.
Als der Tsunami über dem Indischen Ozean wütet, hält er sich in Deutschland auf. Seine Geliebte ist in Thailand, und da er kein Lebenszeichen von ihr bekommt, hält er sie für tot.





Leseprobe

1

Er spürte einen heftigen Schlag, der ihn packte und mit Wucht zu Boden warf. Er hatte es immer für einen ausgemachten Blödsinn gehalten, dass im letzten Moment des Lebens alles noch einmal in einem einzigen gedanklichen Ablauf repetiert werden sollte. Nun wusste er, dass dies zumindest in seinem Fall der Wahrheit entsprach. Einige wenige Sekunden genügten, um sein Leben vor ihm abzuspulen; nicht alles, nicht von Anfang an, nicht chronologisch, nicht logisch; wichtige und scheinbar unwichtige Ereignisse, sein Leben! Ein einziger, winziger, lächerlicher Moment! Auf dem Bürgersteig, direkt vor dem Zebrastreifen, stand noch seine Reisetasche. Er hatte sie dort stehen lassen, als er los gerannt war, hinüber auf die andere Seite zu ihr.

 

2

„Ich bin zu intelligent! Ich bin einfach zu intelligent und deshalb bin ich gescheitert.“

Ferdinand stand vor dem Spiegel und streckte sich die Zunge heraus. Sie war mit einem grünlich weißen, metallisch schmeckenden Belag überzogen. Er spürte ein Kratzen im Hals und dachte:

„Zu viel Kamillentee getrunken, gestern abend!“

Er sah sich an. Er sah seinen weißen dicken Kopf, in dem der knöcherne Schädel kaum noch auszumachen war und stellte ihm die Frage:

„Gibt es einen Gott?“

Die Antwort lautete erwartungsgemäß:

„Nein! Und wenn es ihn gäbe, was würde das bedeuten? Was könnte das bedeuten? Ich warte auf eine göttliche Eingebung. Das Drama hat fünf Akte, und der fünfte hat bereits begonnen. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis.“ sagt die Bibel. Ludwig Feuerbach sagt: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bild und Gleichnis.“ Lange bevor er Feuerbach gelesen hatte, hatte er diesen Gedanken gehabt. Er hätte schwören können, dass der Satz von ihm stammte, aber gegen Feuerbach kam er nicht an. Er versuchte es erst gar nicht. Der Satz war vielleicht nichts wert. Trivial vielleicht. Trivial aber nicht unwahr. Und welche Arroganz auch darin lag!

„Wenn Gott so aussieht, dann Gute Nacht!“ murmelte er beim Anblick seines geschwollenen Gesichts im Spiegel. 

“Wer sind wir, dass wir uns auf so eine Aussage berufen müssen. Sterben wir oder sterben wir nicht?“ dachte er und „Warum denke ich nur immer ans Sterben? Was ist nur los mit mir?“

Er griff seine Zahnbürste, die Zahncreme - Weleda Sole blau -, schraubte sie auf, strich einen Streifen der hellrosa Paste auf den Bürstenkopf und putzte sich Zähne und Zahnfleisch. Er riss den Mund weit auf, um die hinteren Zähne zu erreichen. Sein Zahnfleisch blutete; ein feiner roter Streifen lief ihm aus dem rechten Mundwinkel durch eine der scharfen Falten zu beiden Seiten seiner Lippen wie durch ein Flussbett. Endlich hatte sie einen Sinn. 

„Als hätte ich Blut gesoffen.“

Rechts und links von seinem Hals klebten wie wächserne Pflöcke die geschwollenen Drüsen und als er den Kopf senkte, um auszuspucken zog ein Stich hindurch, der ihn in die Knie gehen ließ. 

„Verflucht! Wenn das nicht gleich besser wird, gehe ich zum Arzt. Ich gebe mir eine Stunde!“

Ferdinand arbeitete bei der BEK als Sachbearbeiter, und er überlegte, ob er für heute den Dienst nicht ganz canceln sollte. Es zog ihn nichts dorthin. Die meisten seiner Kollegen kotzten ihn an, und er war davon überzeugt, dass es ihnen mit ihm nicht viel anders ging. Allen ging es mit allen so, bis auf Jessica, ein kokettes junges Ding mit kurzen Röckchen, die knapp unterm Hintern auf und ab wippten. Die fanden nur die Damen zum Kotzen. Frau Schmalfuhs, Frau Brettschneider und Wiwi. Aber die Herren Kollegen schienen ohne Ausnahme recht angetan zu sein. Ferdinand bildete sich ein, dass sie ihn mochte. Warum sonst hätte sie ihn immer so angeschaut, mit diesem gewissen Blick, den er den „Besorg mir‘s, Baby! - Blick“ nannte. Vielleicht stand sie ja auf fette Männer mit Fastglatze, die dreißig Jahre älter waren als sie selbst. Alles war möglich.“ 

„Geh ich gleich zum Arzt oder erst ins Büro?“ lautete die Frage, die er an sein Spiegelbild richtete und die Antwort:

„Erst ins Büro! Damit auch jeder sieht, dass ich krank bin.“

Er fühlte sich immer krank. Seine Kollegen machten sich schon lange lustig über ihn, den jeden Tag andere Symptome, quälten. Heute war es das Ziehen und Kratzen im Hals und die geschwollenen Drüsen. Nur wenn er Dr. Müller, den er seit seiner Kindheit kannte, gegenüber saß, fühlte er sich verstanden. Der glaubte ihm. Sein Blick war mitleidig, und immer fand er ein Mittel, das Ferdinand half. Oft fühlte er sich schon gesund, wenn er nur vor ihm saß und diesen Blick auf sich ruhen fühlte. Manchmal hätte der ihn glatt zum Weinen bringen können, und einmal war ihm das sogar passiert. Der Arzt war aufgestanden, um seinen Schreibtisch herum zu ihm gegangen, hatte ihm ein Taschentuch gereicht und ihm über die Hand gestrichen; dann hatte er sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt und in dem großen Buch geblättert, in dem er wohl lesen konnte, was seinen Patienten fehlte, nachdem er sich deren Symptome hatte schildern lassen. Ferdinand duschte heißer als sonst und ließ den harten Wasserstrahl über die an seinen Hals geschraubten Stöcke laufen. Es tat gut. 

„Ein paar freie Tage können nicht schaden!“ dachte er, als er sich noch immer dampfend anzog. 

Den Schlips allerdings würde er heute mal weg lassen. Das hellblaue Polohemd und der anthrazitfarbene Kaschmirpullover mit dem V-Ausschnitt waren perfekt. Den obersten Hemdkragenknopf ließ er offen. Das sah man sowieso nicht. Er rief Dr. Müller an und vereinbarte für zehn Uhr einen Termin. Erwartungsgemäß würde er sehr lange warten müssen. Er zog die graue Hose an, das dunkelblaue Sacco und machte sich auf den Weg. 

 

3

„Halte aus oder geh!“ dachte er, als er später in dem offenen Großraumbüro die spöttischen Blicke der Kollegen ertrug.

Er brauchte für sein Leben einen vorgegebenen Ablauf, der ihn einbettete in eine feste Dramaturgie. Das war seinerzeit mit ein Grund dafür gewesen, bei der Krankenkasse als Sachbearbeiter anzufangen. Ein anderer war die Faulheit, sein Phlegma.

„Ich quäle mich durch mein Leben, ohne Freude, ohne Lust, ohne Sonne, ohne Verbindung.“ dachte er .

Dabei fielen ihm seine jämmerlichen Gedichte ein, die er fast täglich schrieb. 

„Ich bin traurig und einsam, was ich schreibe ist verzweifelt und flach. Ich wünsche mir die Kraft und den Mut zum Suizid, um meiner eigenen Erbärmlichkeit den ihr gemäßen Abschluss zu verleihen.“ dachte er und brachte es auf den Punkt: „Zum hundertsten Mal aufgebrühte Hühnerkacke ist gehaltvoller als jedes einzelne meiner Gedichte oder meiner Bilder.“

Er träumte davon, ein großer Dichter und Maler zu sein. Er hatte sogar Malerei in Düsseldorf studiert und war einer der Meisterschüler seines großen Idols Joseph Beuys gewesen, bis er sich das Motto der Berliner Dadaisten auf seine Fahne schrieb, das da lautete: „Kunst ist Scheiße“. Er schrieb und zeichnete, damit seine Option sich nicht im Träumen erschöpfte, aber die Depression hatte ihre Krallen in seinem Fleisch versenkt und hielt ihn erbittert fest. Darüber hinaus gab es genügend Grund, an seiner Begabung zu zweifeln. Seinen Leib ermpfand er als Ballast. Er hatte Mitleid mit ihm, als gehörte er nicht zu ihm, was ihn nicht davon abhielt, zusätzlich mit sich selbst Mitleid zu empfinden.

„Mein alter, armer, weißer, weicher, Leib!“ dachte er mit einer gewissen Rührung und seufzte. 

Er dachte an sie, von der er glaubte, sie in manchen Momenten sogar geliebt zu haben. Die Momente waren verwischt und nicht wirklich fassbar. Vielleicht hatte es sie auch nur in der Erinnerung gegeben, vielleicht hatte es sie gar nicht gegeben. 

„Ich will sie nicht mehr; und das geht einher mit der Angst, dass es ihr genau so gehen könne. Ich habe Angst vor jedem weiteren Tag und würde am liebsten das Haus nicht mehr verlassen. Auch wächst in mir eine entsetzliche Angst vor Menschen, davor, gesehen zu werden, wie davor, nicht gesehen zu werden.“

Sie war Wiltrud, genannt Wiwi. Sie selbst wollte so genannt werden, da man ihr den Namen verpasst hatte, als sie noch ein Kind war. 

„Mein Kosename ist Wiwi!“ hatte sie bei ihrem Einstand erklärt und ihm den Gedanken eingegeben, dass es sich wohl eher um einen Foppnamen handeln könnte. 

Offiziell war sie Frau Wiltrud Proll. Das prangte auf dem Schild, das sie am Revers ihrer weißen Bluse trug. Sie trug mit Vorliebe weiße Blusen mit gestärkten Kragen. Das sah nett und adrett aus und konnte nicht missverstanden werden. Sie war Spätaussiedlerin aus Rumänien. So genannte Banatschwäbin. Wenn man in der dritten Person von ihr sprach, sofern sie nicht anwesend war, wurde sie von den Kollegen Spinatwachtel genannt. Sie war eigentlich Schauspielerin, hatte sogar eine entsprechende Schule absolviert, doch kein Glück in dem Beruf gehabt. Nach zwei Anfängerjahren war sie nicht verlängert worden, und hatte seither kein Engagement mehr bekommen. Dann hatte sie einen Buchhalterlehrgang gemacht und bei der Krankenkasse angefangen. Fast zehn Zentimeter größer als er, mit einem Kreuz wie ein Boxer ausgestattet, hatte sie ein Gemüt, das zur übertriebenen Sentimentalität neigte. Besonders mit Hunden und kleinen schwarzen Babys. „Wie süß!“ oder „Ach, wie süß!“ schien sie zu begleiten wie der hautgout, der einen umwehte, wenn man in einen Kothaufen getreten war. 

„Das Kind hat ein Hungerödem, wie man an dem aufgetriebenen Bauch sehen kann!“ hatte er ihr einmal geantwortet und dabei die Augen verdreht.

Aber sie hatte ihn nur angeschmachtet und gefiept:

„Wenn ich könnte, würde ich es adoptieren. Bei mir hätten sie es gut!“

„Wer, sie?“

„Alle!“

„Ach so, alle!“ sagte er und dachte:

„Wir quälen uns durch die Nächte, und wir quälen uns durch die Tage bis die Qual ein Ende hat und jeder Gedanke in unerbittlich monotoner Harmonie ertränkt wird.“

Dabei sah er sie nicht an. Ihr fast zum Weinen verzerrtes Gesicht war ihm peinlich, und er bedachte sich selbst mit dem gedanklichen Imperativ:

„Sei nicht traurig, Alter! Spiele: Glück! Spiel einfach glücklich sein, dann wirst du vielleicht glücklich, weil jeder, der dich sieht, dich für glücklich hält und dem entsprechend auf dich reagiert. - Nur, was mache ich mit ihr?“

„Sie sind also krank, Herr Kollege!“ hörte er Xaver Höflich, den Abteilungsleiter sagen. „Was ist es denn diesmal?“

„Alkohol, Depression, Krebs - Die große Klammer Einsamkeit, die uns verbindet... Noch schnell ein Gespräch über Midlife-crisis, als hätte man den Zenith nicht längst hinter sich gelassen, noch schnell das Wetter erörtert, noch schnell einen Kracher losgelassen - Silvester steht vor der Türe, und ein neues Leben steht davor: lassen wir's rein - wiewohl uns das alte noch beutelt. Was willst du hören? Außerdem was meinst du damit, was es diesmal sein soll?“ dachte er und sagte: 

„Halsschmerzen, Husten, Heiserkeit, vielleicht ein bisschen Fieber, Schüttelfrost - nichts Ernstes, glaube ich, hoffe ich!“

„Das hoffen wir auch, Herr Kollege!“ sagte Xaver Höflich und Ferdinand fragte sich, ob er die anderen Kollegen und Kolleginnen in diesen Plural miteinbezog, oder ob der Kerl sich selbst einen Pluralis majestatis zugestand.

Er glaubte, aus den Worten seines Chefs eine gewisse Ironie heraus zu hören und fühlte sich verkannt. Wiwi hatte eigentlich ihren freien Tag, den sie bei ihm hatte zubringen wollen, um seine Wohnung einmal wieder so richtig auf „Vordermann“ zu bringen. Aber zum Glück war ihre Mutter gestolpert, hatte sich das Fußgelenk verstaucht und sie um Hilfe gebeten. Die nächste Woche wäre sie also in Schwäbisch Hall bei ihren Eltern. Ferdinand hasste es, wenn sie allein in seiner Wohnung rumwuselte, die im übrigen kein bisschen dreckig oder schlampig war. Ferdinand war ein ordentlicher Mensch, fast pedantisch. Bestimmt wühlte sie in seinen Sachen und wusste sehr viel mehr über ihn, als er ahnte. 

„Auf Wiedersehen, Herr Kollege, und gute Besserung!“ hörte er den Abteilungsleiter noch blöken.

„Arschloch!“ murmelte er.

Aber da schloss sich bereits die gläserne Eingangstüre hinter ihm, und er drückte den Aufzugknopf. 

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