Land nach Sturm

Veröffentlicht auf von acron

Sie sitzt am Fenster und sieht in den Innenhof. Sie beobachtet die wechselnden Lichtstimmungen, die Wolkenbildung, die Vögel, die über den Hof hinweg ziehen. Mit einem Fernglas beobachtet sie die Menschen in ihren Wohnungen und macht sich über sie ihre Gedanken. Dreimal war sie schwanger gewesen. Das erste Mal hat sie sich von ihrem ersten Mann zur Abtreibung drängen lassen. Die zweite Schwangerschaft endete mit einer Totgeburt, und die dritte mit einer Fehlgeburt im dritten Monat. Sie, aus deren Leben "nichts als der Tot geboren ist", saugt sich voll mit fremdem Leben. Seit Jahren tut sie nichts anderes. Sie geht nicht mehr aus. Mit ihrem Ehemann hat sie nicht mehr viel zu schaffen. Die beiden leben mehr schlecht als recht nebeneinander her.

Eines Tages beobachtet sie im Haus gegenüber die Vergewaltigung eines Kindes und ruft anonym bei der Polizei an, die die Wohnung stürmt und das Kind befreit. Doch nun erfährt die Sinnfrage ihres eigenen Lebens einen neuen Wert. Sie erinnert sich an ihre eigene Mutter, die im Meer ertrank. Die Polizisten klingeln schließlich an ihrer Wohnung, doch sie öffnet nicht, und die Beamten gehen unverrichteter Dinge weg. Sie steigert sich nun in eine Panik hinein, der sie letztlich nicht gewachsen ist.



Leseprobe

1

„Es wird ein gutes Jahr!“ hatte man sich geschworen und in die Hand hinein versprochen, als man in der Silvesternacht um Punkt Zwölf das Glas erhoben und sich in den Armen gelegen hatte.

Daran musste sie denken. Sie saß am Fenster und sah hinaus. Der Regen ließ nach, und der Himmel lichtete sich. Die Wolken krallten sich noch eine Weile aneinander fest, bevor sie erst langsam, doch mit stetiger Gewalt, dann rasend, als wögen sie nichts, auseinander gerissen wurden. Der Wind dort oben musste enorm sein, denn er jagte hinein in das Grau und trieb nun die aufgeregten Wolkenbündel wie scheuendes Vieh in die Flucht. Unten war die Luft klamm und kalt, auch wenn mit einem Mal die Sonne durchkam. Es war Januar, genauer Ende Januar; das neue Jahr war schon vier Wochen alt. 

Über den Innenhof hinweg auf den Fernsehantennen klebten Tauben, Punkt an Punkt eng aneinander gedrückt wie Perlenkämme, die sich nun, im dahinter erscheinenden Sonnenlicht schwarz dagegen abzeichneten. Weit oben zog ein Flugzeug ein weißes Band hinter sich her, das noch eine Weile unversehrt blieb, als sein Verursacher schon längst nicht mehr zu sehen war und dann zitternd zerfiel, sich auflöste, verschwand. Vom benachbarten Schulhof hörte man die Kinder, die sich in ihrer Pause mit Geschrei vom erzwungenen Stillschweigen erholten. Und mit einem Mal erhoben sich alle Tauben gleichzeitig und verdunkelten einen Augenblick die Welt darunter. Sie sah, wie es immer heller draußen wurde, sah den einzigen Baum sich schwankend gegen den Wind behaupten, der indes nicht lange fackelte und jenem mit lautem Krachen einen bereits angebrochenen Ast entriss und zu Boden sausen ließ. 

„Wenn da jetzt jemand drunter stand, dann hat er es hinter sich.“ dachte sie und beneidete diesen Jemand.

Nach unten hin wurde der Stamm zu einem viertel seiner Höhe von der weiß gestrichenen Backsteinabgrenzung zum Schulhof hin verdeckt. So konnte sie nicht sehen, was da auf dem Erdboden passierte. Vor wenigen Jahren war ein junges Mädchen verschwunden. Als man es schließlich gefunden hatte, hatte es tot vor diesem Baum gesessen, mit dem Rücken an seinen Stamm gelehnt. Mitten in der Stadt, unbemerkt im Hinterhof. Ein Kind noch. Die einzigen Anwohner, die es hätten sehen können, waren zu der Zeit in der Südsee gewesen, so dass die Leiche dort saß, bis jene ihren Urlaub beendet hatten. Sechzehn Jahre war das Mädchen geworden, als es sich zu dem Baum setzte, um sich, an seine Rinde geschmiegt, den „Goldenen Schuss“ zu setzen. Und sein Körper hatte sich bereits in seiner chemischen Metamorphose hinein gegraben in dessen Körper und mit ihm in einsamer Hochzeit vermählt. Seither war er für die wenigen Leute, die davon wussten, ein Unglücksbaum.

Da sah sie, dass der Ast direkt hinter der Mauer von den Kindern unbemerkt auf den Schulhof gefallen war. Die rannten über den Schulhof oder kletterten auf einem Spielgerüst, das aus rund angeordneten Pfählen mit einem Dach aus rotem Seilwerk darüber bestand. Noch einmal fuhr der Wind gewaltig durch das Geäst, brach einen weiteren Ast daraus und warf ihn in den Schulhof, inmitten einer Gruppe von Kindern, die sich zu einem Abzählreim im Kreis aufgestellt hatten. Sie erschraken und stoben auseinander. Die Schulglocke beendete die Pause und in wenigen Minuten war der Hof leer und still. Da erhob sich der Ast und tanzte im Wind. Der richtete ihn auf und warf ihn wieder hin. Er liebkoste ihn, ließ ihn sich in Anmut drehen wie eine junge Braut und wirbelte ihn durch die Luft. Dann warf er ihn vor die Mauer und ließ ihn dort liegen. Nach oben brauste er nun, trieb neue Wolken heran, schob sie zusammen, und in wenigen Minuten war der Himmel wieder so grau wie zuvor.


2 

Sie war allein. Es gab einen Mann, doch er ließ sie allein. Wenn sie morgens aufstand, war er schon aus dem Haus, und wenn sie abends zu Bett ging, war er noch nicht wieder zurück gekehrt. Es gab ihn noch, das wusste sie, wie er wusste, dass es sie noch gab. Auch sah er sie, wenn er sich morgens aus dem Bett schälte, vorsichtig, um sie nicht zu wecken - allerdings weniger aus Rücksicht auf ihren Schlaf als aus Gründen des Eigennutzes: Er wollte in Ruhe seinen Kaffee trinken, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machte. Er hasste es schon lange, mit ihr zu reden. Er sah sie Morgens und er sah sie spät Abends. Er sah ihr dampfendes Schlafgesicht, die geschlossenen Augen, den aufgerissenen Mund, aus dem ein feiner Speichelfaden lief und sauerer Atem strömte. Er roch ihn und drehte sich weg. Sie sah ihn nicht. Mitunter gaukelte ihr ein nach innen gerichtetes Auge seinen Anblick vor, wenn er ihr im Traum erschien, doch selten und immer weniger als erstrebenswertes Parallelgeschehen einer wie auch immer zu determinierenden Realität. Manchmal, an den Wochenenden, ließ es sich nicht vermeiden, dass sie zusammen trafen. Dann bereitete er auch für sie Kaffee und setzte sich schweigend ihr gegenüber. Stilvoll caffé latte, jede einzelne Tasse frisch gemahlen. Steif der Milchschaum, der Löffel muss stehen bleiben. Er blieb stehen. Wenigstens er. Er betrachtete ihr von schlecht abgeschminkten Make-up Resten verschmutztes Gesicht, die stumpfen zerrauften Haare mit dem immer breiter werdenden weißen Streifen im lange schon künstlichen Schwarzbraun und sagte nichts. Er sagte meistens nichts. Das hatte er sich im Laufe der Zeit angewöhnt, obwohl er allmählich feststellte, dass es nicht - wie erhofft - der bequemere Weg war. Meistens ergab sich daraus ein noch viel größerer Konflikt, als wenn er gesprochen hätte. Andererseits spürte er immer mehr die Macht, die ihm daraus erwuchs. Er konnte sie zappeln lassen. Er musste nur zu Boden sehen und schweigen. Oft fühlte sie sich dann schuldig; er sah so verletzlich aus und verletzt und vermittelte ihr das Gefühl, ihn zu überfahren und in die Ecke zu treiben. Es war seine Art, das Spiel zu spielen. Es war ein Spiel. Er beherrschte es, und sie beherrschte es nicht. Sie schrie. Sie spürte seine Macht, die ihre Ohnmacht war. Wenn sie schrie, sah er sie an. Er indes hatte Recht. Er sah ihr verzerrtes Gesicht und durfte nicht lachen. Auch war ihm oft gar nicht zum Lachen zu Mute, wenn er ihren aufgerissenen Mund sah, aus dem eine sich überschlagende Stimme knallte wie Schüsse - von morgendlich noch belegter Zunge abgefeuert - und er sein Schweigen fortsetzte. Aber auch das gehörte zu dem Spiel, das zusehends zuerst an Spannung zunahm, dann jedoch an Langeweile und abfiel. Sie wussten es beide und langweilten sich beide und konnten doch nicht anders, da ihnen kein anderes Spiel mehr einfiel. Früher hatten sie oft gescrabbelt. Mitunter taten sie es noch. Sie hatte gewonnen - zumeist. Sie hatte um Worte gekämpft, die er Wortschöpfungen nannte und absurd. Sie konnte sie alle erklären. Das war die Voraussetzung. Dann wurden sie akzeptiert. Manchmal gewann auch er. Dann gab es Streit. Sie hatte nicht gelernt, zu verlieren, obwohl sie nie wirklich gewonnen hatte. Im Gegenteil, sie verlor am laufenden Band. Und nun gab es nur noch dieses Spiel, bei dem keiner von beiden gewinnen konnte. So hatten sie die Früchte ihrer Phantasielosigkeit gemeinsam zu tragen, eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die es noch gab. 


3 

„Wir kämpfen um des Kampfes Willen, der unser Leben bestimmt und ihm Sinn verleiht. Den einzigen Sinn, der im Bodensatz des Unglücks noch aufzuspüren wäre!“ 

Sie hatte es laut vor sich hin gesagt. Niemand hatte es gehört außer ihr selbst. Sie nur hörte ihre Stimme, die im Raum verhallte. Oft, wenn sie schrie, geschrien hatte - früher - hatte sie sich vorgestellt, dass ihre Töne an die Wand prallten und von dort aus zurück geworfen würden zu ihr und gedacht, dass sie so nicht mehr allein, aber im selben Maß bedrängt durch die in ihrer eigenen Kehle produzierten und von einem gut funktionierenden Zwerchfell gekonnt abgestützten Worte wäre. Beschossen, attackiert von prasselnden Klangsalven. Mittlerweile erreichten die Töne die Wand nicht mehr. Bevor sie dort ankamen, versiegten, zertropften sie; ihre Kraft reichte nicht mehr aus. Vielleicht wollten sie auch nicht mehr, sahen keinen Sinn mehr im Kampf. 

„Haben Töne einen Willen?“ fragte sie und antwortete:

„Wohl nicht.“

Es kam ihr seltsam vor, dass ihre eigenen Töne wenn schon keinen Willen so doch wenigstens eine Wirkung zeigen müssten. Eine wie auch immer Wirkung. Keinen Willen, aber Wellen. Klangwellen zum Beispiel. Wie ein Stein, den man ins Wasser wirft, Ringe im sich vergrößernden Radius um die eigene Achse produziert, musste ihr Ton, in den Raum geworfen, ganz ähnliche Wellen hervor rufen. Sie saß am Fenster und sah hinaus. Sie ging nicht mehr aus. Sie begnügte sich damit, am Fenster zu sitzen und hinaus zu sehen in den Hinterhof, das wechselnde Licht zu betrachten und den wechselnden Gedanken, die sich daraus ergaben, nachzuhängen. Ihr Körper wurde müder und schwerer mit jedem Tag, und jeden Tag, an dem sie morgens erwachte, stellte sie sich die Frage, ob sie noch lebte.

„Noch immer lebe ich! Das erstaunt mich in der Tat.“ wunderte sie sich.

Sie wunderte sich nicht wirklich. Auch kam es nicht darauf an. Sie duschte, noch tat sie es täglich, bereitete den obligatorischen caffè latte, setzte sich ans Fenster, trank und betrachtete den Hinterhof, eine stets gleich bleibende Perspektive, die ein sich permanent doch kaum wahrnehmbar wandelndes Bild bot. Nicht die Morgensonne war es, die den Hof beschien. Als schämte sie sich vor den Schatten die sie warf, tauchte die Sonne erst am Nachmittag auf und zeichnete ihre Spuren auf Fassaden und Asphalt. Sie spürte noch die Erschütterungen einer weit entfernten Zärtlichkeit und war doch weit davon entfernt diese emotional zu binden und mit dem Augenblick in Einklang zu bringen. Sie sah in das Licht und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Weit, weit oben kündeten Vögel einen klaren morgenden Tag an, ein Hoch, das jetzt, im Januar Kälte bedeutete. Hier, am Fenster war es nicht kalt. Aber sie konnte sich die Kälte vorstellen. Wenn sie sich etwas vorstellen konnte, dann war es die Kälte. Sie ließ sich nicht mehr täuschen vom glänzenden Licht, das ihr die Sonne in den Hinterhof warf, damit sie glauben sollte, dass es ein Morgen gäbe, das warm und wert es zu leben wäre. Sie ließ sich nicht mehr täuschen. Sie wusste, wohin es ihn zog. Sie wusste, dass es ihn zu anderen Frauen zog, da sie wusste, dass er an ihr nicht mehr interessiert war. Manches Mal, nachdem er aufgestanden war, um seinen Tag zu beginnen, wenn er sie noch schlafend wähnte, setzte er sich in den Sessel, an der Rückseite der Wand hinter der sie schlief, und - von dieser abgewandt - onanierte. Sein Blick fiel dabei auf ihren Hinterhof, in dem sich ihr tägliches Leben abspielte. Sie wusste es. Einmal war sie dazu gestoßen, versehentlich und hatte überrascht seine enorme Erektion, die sie glaubte, noch nie zuvor so gewaltig gesehen zu haben, wahrgenommen. Schnell hatte er sein Geschlecht zwischen die Beine geklemmt und diese übereinander geschlagen. Er hatte sich vor ihr geschämt. Sie war erschrocken und hatte eine Hitzewallung in der Brust verspürt, die der Angst glich; als wäre sie soeben fast von einer Straßenbahn erfasst worden oder als stünde sie auf einer Leiter, die um ein Haar gekippt wäre. Es war Angst. Immer wenn sie mit einem sexuell erregten Mann konfrontiert war, der seine Erregung offen zeigte, hatte sie diese Angst, die elementar aus ihrem Innersten strömte und diesen heißen Knoten in der Magengegend explodieren ließ, der ihr für einen Moment die Luft zum Atmen nahm. Danach wurde ihr kalt, als befände sie sich in einem Kühlhaus. Kalt wie tot, wiewohl sie die Kälte noch empfand. Ihre anfängliche Trauer war allmählich einer permanenten Niedergeschlagenheit gewichen und noch später der Verzweiflung. Nun befand sie sich in der Phase einer gewissen Gleichgültigkeit, die ihr Innerstes ausfüllte und zugleich eine große Leere darin erzeugte. Voll der Leere, nannte sie diesen Zustand, der sie am Fenster stehen und hinaus blicken ließ. Dieser Zustand war es, der ihr diesen Blick erst ermöglichte. Frei und ungetrübt von jeglicher emotionalen Einfärbung. Im Hinterhof ging die Sonne nun unter und spiegelte sich in den blank geputzten Fensterscheiben. Hier in der Gegend hatte man eine Putzfrau, weshalb man auch einen Anspruch auf saubere Fenster hatte. Nur die Sonne sah sie darin. Gleich wäre die weg, die Nacht fiele herein und hinter den Fenstern würden die Lampen entzündet. Dann sähe sie hinein in die Wohnstuben, Küchen, Kinderzimmer und Flure, um dem Geheimnis ihrer Bewohner auf die Schliche zu kommen.


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Jana B. 12/25/2008 14:17

Sehr sehr großartiger Roman. Ich wüsste gerne, wo und wann er verlegt ist. Ich werde ordentlich die Werbetrommel dafür rühren.
Zuerst war ich enttäuscht, dass er so traurig ausgeht. Ich hätte mir gewünscht, dass die beiden wieder zueinander finden. Aber das ist wohl meine ureigenste Verlustangst, die mich so denken ließ. Im Grunde ist der Schluss logisch, und ein anderes Ende wäre unglaubwürdig und sentimental.