Drachentöter

Veröffentlicht auf von acron

Eine deutsch- deutsche Geschichte. 
Robert erfährt, dass er nicht das leibliche Kind seiner Eltern ist. Der Arzt und die Krankenschwester, die ihn seinerzeit als Säugling ausgesetzt vor der Charité in Ostberlin gefunden hat, haben ihn zu sich geholt, adoptiert und als ihr eigenes Kind aufgezogen. Lange nach dem Mauerfall lernt er ein Mädchen kennen, dessen Geschichte einige Parallelen zu der seinigen hat und verliebt sich in sie. Daraus erwächst eine Tragödie, die von der ersten Sekunde des Zusammentreffens an nicht mehr aufzuhalten und deren Ausmaß verheerend ist.

In vier subjektiven Berichten wird die Geschichte erzählt.







Leseprobe


Erstes Buch, "Robert"

1

Wenn ich an das Unglück denke, das nur durch meine Geburt, über die Menschen, die ich liebe, herein brach, wünsche ich mir, niemals geboren zu sein. Allein dieser Wunsch zeigt, dass bereits von Anfang an alles zu spät war. Die Dinge gingen ihren Gang, und niemand hätte ihn je aufhalten können. Ich heiße Robert wie der Fliegende Robert aus dem Struwwelpeter, den mein Großvater mir immer wieder vorlesen musste als ich ein kleiner Junge war. Obwohl ich die Geschichten nicht mochte, und die in dem Buch beschriebenen Kinder mir Leid taten, faszinierte es mich, und ich wurde nicht müde, ihm zu lauschen. Nach meiner Auffassung waren die Kinder allesamt ungerecht behandelt worden. Man stelle sich vor, dass es eine Instanz geben könne, die einem Menschen verbietet, am eigenen Daumen zu lutschen! Eine Mutter, die ihren Kleinen vor dem Schneider warnt, weg geht, die Türe nicht richtig verschließt und damit das Kind einer ihr bekannten Gefahr aussetzt, empfand ich als grausam, und der armen Pauline hätte man besser den Umgang mit Feuer erklärt, bevor man sie allein mit einem Feuerzeug und zwei Katzen gelassen hätte. Auch hatte es mich immer gewundert, dass den beiden Tieren nichts passiert war. Zumindest eine kleine Rauchvergiftung hätten doch auch sie erleiden müssen. An allem, so dachte ich bereits als Kind, trugen einzig die Eltern Schuld, die es versäumt hatten, ihre Nachkommenschaft richtig zu informieren. Die Geschichte des kleinen Jungen allerdings, der trotz elterlichen Verbots hinaus ging in Sturm und Regen, dessen Regenschirm vom Wind erfasst und mitsamt dem kleinen Jungen davon getragen wurde, gefiel mir und regte meine Phantasie an. Was für ein mutiger Kerl, der sich über sämtliche Warnungen und Reglementierungen hinweg setzt, um seine eigenen Erfahrungen zu machen! So, ganz genau so, wollte ich sein. Ich spann die Geschichte weiter. Ich stellte mir die Welt vor, in der der Wind ein Einsehen hätte um ihn wieder abzusetzen. Vielleicht wäre es ja eine sanfte Welt mit freundlichen Menschen, in der sogar der Wind nur milde durch die Wiesen und Wälder strich. Vielleicht, dachte ich, hätte der Sturm ihn nur durch die Welt getragen, um dem Kind Sehenswürdigkeiten und Bräuche fremder Länder und Kulturen zu zeigen, und ihn dann wieder wohlbehalten zu seinen Eltern und Freunden zurück zu tragen. Im Traum war ich der Robert, dem all diese Dinge geschahen, und doch war ich beim Erwachen froh und glücklich wieder zuhause in meinem wirklichen Leben zu sein. Um nichts in der Welt wollte ich jemals meine wunderbare Kinderwelt mit der Parallelwelt meiner Träume vertauschen. Ich genoss das Fliegen, wenn ich mit meinem Schirm unterwegs war, doch oft hatte ich vor der Landung Angst. Ich wusste nie, ob sie funktionierte. Meistens war ich irgendwann einfach wieder zuhause, mitunter wachte ich auf, doch kam es auch vor, dass ich abstürzte, und davor graute mir. Natürlich endete auch der Absturz zumeist mit dem Erwachen, sofern der Traum nicht von einem anderen Traum abgelöst wurde, doch ich fürchtete das Gefühl des Fallens. Dieses merkwürdige, schwer zu beschreibende Gefühl, das sich in atemlosen Wellen stockend durch meinen Körper schob, war für mich gleich bedeutend mit Todesangst, die ich damals noch nicht kannte. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb begann ich, es später immer wieder bewusst herauf zu beschwören, wohl um die Angst zu besiegen oder mich ihr zu stellen, wie mein Vater es formuliert hätte. Noch später genoss ich, was von Freud als sexueller Wunschtraum gedeutet wurde. Als Kind besaß der Traum für mich eine derartige Realität, dass ich bald fest davon überzeugt war, tatsächlich zu können, was meine Phantasie mir im Schlaf vorgaukelte, und oft genug hätte ich mir später nichts sehnlicher gewünscht, als mich vom Wind weit weg tragen zu lassen. Ich schrieb in das leere Buch, das meine Mutter mir zum achten Geburtstag geschenkt hatte, „Ich bin davon getragen“, und genau so empfand ich mich, als ein Davongetragener. Auch wenn ich stets in mir diese Sehnsucht hatte, nach Hause zu kommen, wo ich mich warm und geliebt fühlen konnte, wollte ich fliegen. Ich wollte meinen Schirm aufspannen und von einem mächtigen Sturm davon getragen werden. Wohin, das war völlig egal. Die Hauptsache war, so weit weg wie möglich.


 

6


Ich war neunzehn. Zwei Tage zuvor hatten wir meinen Geburtstag und das bestandene Abitur gefeiert. Ich hatte mein erstes Auto, einen brandneuen VW Beatle in meiner Lieblingsfarbe Schwarz geschenkt bekommen und war rundherum glücklich. Meine damalige Freundin Jenny und ich wollten mit der ganzen Clique in eine Discothek nach Charlottenburg. Jenny war schlank, hatte lange dunkle Haare, eine bräunliche Haut und leuchtende schwarze Augen. Alle meine Freunde waren ein bisschen in sie verliebt und beneideten mich darum, dass sie mir den Vorzug gab. Wir hatten die selbe Schule besucht und gemeinsam das Abitur gemacht. Wir kannten uns seit unserer gemeinsamen Einschulung, zwei Jahre waren wir sogar in der selben Klasse gewesen und genau so lange waren wir schon ein Paar. Demnächst hatten wir vor, gemeinsam Medizin zu studieren. Wir hatten uns in Berlin um einen Studienplatz beworben. Auch ihr Vater war Arzt, ihre Familie lebte in einer Villa am Wannsee, die ihr Eigentum war. Wir passten phantastisch zusammen. Unser Leben schien vorprogrammiert in einer glatten Bahn zu verlaufen; daran gab es keinen Zweifel, und ich konnte mir nichts Wunderbareres vorstellen, als eine Familie mit ihr zu gründen und immer mit ihr mein Leben zu verbringen. Im Gegensatz zu ihr tanzte ich selten. Für mich war es nichts als dämliches Herumgehopse, bei dem die wenigsten eine gute Figur machten. In der Disco war rund um die Tanzfläche ein erhöhtes Podest gebaut, das von vielen als Sitzbank benutzt wurde. Dort saß ich, ein Glas in der Hand und sah meiner schönen Freundin beim Tanzen zu, als jemand direkt neben mir Platz nahm. Ich sah zur Seite und sah, dass es ein Mädchen war. Sie war blass, dünn, ungeschminkt und sah wenig anziehend aus. Ich wollte meinen Kopf wegdrehen, um ihn wieder der Tanzfläche zuzuwenden, da wandte sie mir ihr Gesicht zu. 

 

„Entschuldigung!“ murmelte sie.
 

„Wofür?“ fragte ich und dachte: „Sächsisch! Grauenvoll!“
 

In diesem Augenblick wären wir vielleicht noch zu retten gewesen. Doch da fiel es mir ein, sie genauer anzusehen.
 

„Wofür?“ fragte ich und stotterte dann selbst die Antwort: 
 

„Schon in Ordnung.“
 

Doch sie versenkte ihren Blick in meinem, und ich stürzte in ihre Augen. Sie betrachtete mich stumm, und ich weiß nicht, wie es kam, noch verstehe ich es bis heute, aber mit einem Mal umfasste meine rechte Hand ihre linke. Wir beide spürten das Gefühl, das uns durch den Körper schoss und hielten es aus. Was geschah da mit mir? Was geschah mit uns? Wir fragten nicht danach und registrierten beide erstaunt unser Betragen, ohne es in Frage zu stellen. Kein Zweifel, wir gehörten zusammen. Ich begehrte sie, und ihr ging es nicht anders. Als wir aufstanden und Hand in Hand durch die Menschenmenge hindurch den Raum verließen, dachte ich nicht an meine Freunde, die uns erstaunt nachsahen. Ein kurzer Gedankensplitter an Jenny schoss mir durch den Kopf, nur kurz, unwichtig; nichts war mehr wichtig außer ihr, deren Namen ich nicht einmal kannte. Wir stolperten hinaus, schweigend, ich hielt sie an der Hand, die mir blind folgte, wir rannten beinahe zum Auto, rissen die Türen auf und ließen uns fallen.  




Zweites Buch, "Jenny"

1


Beim ersten Blick war alles klar. Ich hatte noch nie einen Freund gehabt, und auch noch nie Sex mit jemandem, aber als ich da in der Disco neben ihm saß, und er mich ansah, war es einfach keine Frage mehr. Ich glaube, ich habe gar nichts gedacht in diesem Augenblick. Er hat meine Hand genommen und mir war, als bekäme ich keine Luft mehr. Eine heiße Explosion in meiner Brust nach der anderen hat mir regelrecht den Verstand geraubt. Ich liebte ihn bereits, als wir uns das erste Mal sahen. Ich war wie zu Hause angekommen. Eigentlich hatte ich gar keine Lust mit Steffi nach Berlin in die Disco zu fahren. Ihr Freund hatte mit ihr Schluss gemacht, und ihre beste Freundin, die sonst mit ihr gefahren wäre, lag mit einer Angina im Bett, also fragte sie mich. Ich weiß, dass auch sie keine Lust hatte, mich mitzunehmen. Sie fand mich langweilig und hässlich und schämte sich dafür, mit so einer peinlichen Provinzlerin gesehen zu werden. O.K. ich bin langweilig und sah auch nie besonders gut aus, aber es war mir egal. Ich sagte ja, und ging mit. Wahrscheinlich wäre es mir zu mühsam gewesen, nein zu sagen. Es hätte sich nicht gelohnt. Sie hätte gefragt, warum, und dann hätte ich reden müssen. Ich hätte ihr sagen müssen, warum ich nicht wollte, und sie hätte es nicht verstanden. Welcher Sinn liegt darin, etwas zu erklären, wenn man schon von vorneherein weiß, dass die Erklärung nicht verstanden wird. Steffi mochte mich nicht, aber sie fragte mich und ich ging mit. So einfach war es. Ich war immer zu dürr, hatte nie einen Busen und war immer ein bisschen zu blass. Meine Haare gelten als blond, aber tatsächlich sind sie farblos. Dünn, wie ausgefranstes Garn und farblos. Meine Augen hingen immer riesig und blass wie Seen im Nebel in meinem Gesicht. Außerdem hatte ich - und habe ich immer noch - das, was der Zahnarzt „Uberbiss“und die Kinder in der Schule „Hasenzähne“ nannten. Sollten sie doch. Auch das war mir egal. Ich wollte nichts von ihnen, solange sie mich in Ruhe ließen. Ich wollte von niemandem etwas. Ich war, das weiß ich jetzt und wusste ich instinktiv schon immer, ein depressives Kind. Die Depressionen schaffen mich. Ich weiß, dass meine Mutter mich nicht freiwillig abgegeben hat. Das tut mir eigentlich gut, aber es hilft nicht wirklich. Sie tut mir so Leid. Meine Adoptivmutter kann dafür nichts, auch mein Vater nicht. Sie wollten ein Kind. Das ist keine Sünde. Und als sie mich zugeteilt bekamen, freuten sie sich. Soll ich ihnen vorwerfen, dass sie damals nicht danach fragten, woher ich kam? Wahrscheinlich wussten sie es irgendwie. Zumindest wussten sie, dass die ganze Sache nicht in Ordnung war. Sie kannten die DDR. Mein Vater war immer ein Linientreuer gewesen. Dabei rechne ich ihm zugute, dass er mit Leib und Seele Sozialist war. Sie hatten mich adoptiert, das stand außer Frage. Ich hatte es immer gewusst. Meine Eltern sprachen zwar nicht viel, aber sie waren ehrlich. Später halfen sie mir, nach meiner Mutter zu suchen. Sie waren es auch, die heraus bekamen, dass meine Mutter im Knast gestorben war. Damals hatte mein Vater gesagt: 


„Tot“, nur dieses eine Wort: „Tot“ 


Da war alles drin. Dann strich er mir im Vorbeigehen über den Kopf, und ich dachte:


 „Nicht weinen, Franzi, bloß nicht weinen.“
 


Ich war sehr traurig darüber, dass sie verstorben war. Seltsamer Weise erinnere ich mich daran, dass irgendwo weit entfernt eine Maschine zu hören war, als er das Wort sagte. Tot. Das Wort war wie ein Teil des Motorengeräuschs. Und ich hörte im Kopf und im Bauch den Rhythmus der laufenden Maschine wie einen Herzschlag. Als wäre es der Herzschlag meiner Mutter, der Tot, Tot, Tot, schlug. Manchmal wenn ich Musik höre, und es ist ein Bass dabei, spiegelt sich der Bass in mir wider. Nicht die Musik, nur der Bass. Tot! Tot! Natürlich spiegelt sich ein Geräusch nicht, schließlich ist es kein optischer sondern ein akustischer Vorgang. Ein Widerhall, ein Echo, aber für mich war es immer der Spiegel, in dem ich mich erkannte, in dem ich mich nicht ertragen konnte und bis heute nicht ertrage. Manchmal, wenn ich mich so wider gespiegelt erkenne, muss ich weinen und denke, dass ich nie mehr damit aufhören kann, zu weinen; als wäre ich auf einmal im Schmerz zu Hause, oder als wäre ich nur auf der Welt, damit das Unglück in der Welt bliebe. Nie hat jemand gemerkt, wie es mir wirklich geht. Darin bin ich nämlich ziemlich gut, mir nichts anmerken zu lassen. Das schützt, und es war mir stets wichtig, mich selbst zu schützen. Die meisten Leute hielten mich für dumm. Bis auf meine Eltern. Denen war es egal, ob ich dumm war oder hässlich oder nicht. Sie hatten mich so gern, wie ich war. Aber ich weiß, dass ich alles andere bin als dumm. Überhaupt wussten immer alle, wie ich angeblich wäre, was ich denke und was für mich das Beste wäre. Aber auch das war mir tatsächlich alles egal. Ich wollte von niemandem etwas, nur von ihm, der mich sofort erkannte. Ich sprach nur deshalb nicht, weil ich dachte, dass es sich nicht lohnte, weil es sowieso nichts geändert hätte. Auch hätte das Reden meine Gedanken unterbrochen, und das empfand ich immer als Störung. Einmal wurde ich einer Schulpsychologin vorgestellt. Sie sagte, ich müsste mich selbst mögen, und dass meine Niedergeschlagenheit mich daran hinderte, mich selbst zu mögen. Ich fragte mich, ob und wo sie das gelesen hätte, aber ich schwieg. Ich fragte mich und nicht sie. Ich dachte mir, dass im Gegenteil, die Depression sogar ein Beweis dafür wäre, dass ich mich liebte. Ich war traurig, weil mir das kleine Mädchen, das ich war, Leid tat. Ich liebte mich vielleicht mehr als mancher andere, mehr als die Psychologin, die einen fremden Schmerz brauchte, für ihr Glück, weil ich unter anderem für ihren Lebensunterhalt sorgte. Ich war Teil ihrer ökonomischen Grundlage, um es mit ihren geschwollenen Worten auszudrücken, die sie immer brauchen, um sich als intelligent zu empfinden und ihrer Umwelt als kompetent darzustellen. Ja, ich habe mich immer geliebt. Ich war traurig meinetwegen. Ich habe mich mit einer unendlichen Sehnsucht selbst gesucht. Ich habe mich aufgespürt und mit großer Verzweiflung geliebt. Wer kann das schon von sich sagen. Wenn ich die Welt ohne Illusionen sehe, dann deshalb, weil ich die Lüge hasse. Gelogen haben sie alle, und sie tun es noch. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sie mich zum Zahnarzt schickten. Der überwies mich an den Kieferorthopäden. Dort sollte mir ein Klammer verpasst werden. Dann wäre ich vielleicht schöner geworden. Aber ich dachte damals:
 


„Das bin ich, mit genau dem Gebiss, und wenn sie es verändern, dann sehe ich mich nicht mehr, wenn ich aus meinem Gesicht heraus in mein Gesicht sehe. Dann bin ich schon drin in der Lüge und komme nie mehr heraus.“ 
 

Also machte ich einfach meinen Mund nicht mehr auf. Mein Vater, beziehungsweise mein Stiefvater konnte mich verstehen. Er sagte nichts, aber ich wusste, dass er mich verstand.

 



Drittes Buch, "Ute" 


1


Als sie nicht nach Hause kam, machten wir uns natürlich die größten Sorgen. Morgens hatte sie mich in der Praxis besucht - mit dem Kleinen im Tragetuch - und gesagt:

„Ich geh mit Juli spazieren. Vielleicht komme ich nicht zum Mittagessen, wartet nicht auf mich.“


Und als es Abend wurde, dann Nacht, und sie war immer noch nicht da, riefen wir ihre Eltern an. Gemeinsam fuhren wir los, um sie zu suchen. Wir versuchten auch, die Polizei einzuschalten, wo man allerdings zunächst nichts unternehmen wollte. Dort bekamen wir die wenig aufmunternde Information, dass Polizei erst einstiege, wenn etwas passiert wäre oder bei einem konkreten Hinweis auf eine Straftat. Wir sollten uns gedulden, sie wäre bald wieder zurück. So etwas käme häufiger vor, als wir glaubten. Wahrscheinlich, unterstellten sie, hätte es Streit gegeben, und die junge Frau wäre bei einer Freundin untergetaucht. 
 

„Vielleicht“ schmunzelte der diensthabende Beamte, „hat sie ja einen anderen!“


Dabei kniepte er mit einem Auge und setzte nach:


„Nichts für ungut. Aber man steckt ja nicht drin!“ 


Nun kniepte er erneut ein Auge zu und lachte:
 

„Wenn das jetzt doppeldeutig war, dann bitte ich um Entschuldigung. Man wird ja schließlich noch lachen dürfen.“


Wir waren fassungslos.
 

„Lachen Sie nur, wenn Sie glauben, Grund dafür zu haben.“ sagte Ernst.
 

Er war wütend, schlug mit der Hand auf den Tresen, der uns vom Arbeitsbereich der Beamten trennte, drehte sich um und ging. Wir waren so aufgebracht wie er und folgten ihm; dann standen wir draußen vor der Polizeiwache und waren nicht weniger aufgewühlt und ratlos als zuvor. Ich quälte mich mit dem Gedanken, nicht nachgefragt zu haben, als sie da vor mir in der Praxis gestanden hatte und machte mir deshalb schwere Vorwürfe. Sie hatte so etwas Zögerliches gehabt, als ob sie mir noch etwas hätte sagen wollen. Gleichzeitig hatte sie auf merkwürdige Weise entschlossen gewirkt. Ich hätte sie in ein Gespräch verwickeln sollen; dann hätte ich vielleicht etwas heraus bekommen können. Ja, ich hätte es tun müssen, aber ich hatte es nicht getan. Sie war mir seltsam vorgekommen. Wie, um alles in der Welt, hätte ich auch auf so eine Idee kommen sollen? Eine so schreckliche Tat hätte ihr keiner zugetraut, der sie kannte. Mir fiel ein, wie sie erschrak und sich von mir abwandte, als ich die Hand ausstreckte, um den Kleinen zu streicheln. Sie hatte nicht gewollt, dass ich ihn anfasse. Da war unser Enkel wahrscheinlich schon tot gewesen. Das arme Kind! Sie hatte es erstickt. Das Kissen auf sein Gesicht gedrückt und es erstickt. Was für eine entsetzliche Vorstellung. Das war nicht nur für Robert, seinen Vater, sondern auch für uns, die Großeltern sehr schwer zu ertragen. 
 

„Psst,“ hatte sie gesagt, „er schläft!“und sich weg gedreht.
 

Sie hatte mich noch nie daran gehindert, meinen Enkel zu streicheln. Ich ließ es sein, wunderte mich aber. Allerdings hatte ich gerade wenig Zeit gehabt, mir darüber Gedanken zu machen. In der Praxis war der Teufel los gewesen, das Wartezimmer voll mit schniefenden Patienten, die uns die Grippewelle bescherte. Wenn man ihnen zur Impfung riet, reagierten sie nicht, und hinterher kamen sie angekrochen, weil es ihnen schlecht ging. Das war normal, es war unsere Aufgabe, ihnen zu helfen. Wir durften nicht klagen, auch wenn wir uns darüber ärgerten, dass es immer wieder gerade die Patienten waren, denen wir zur Impfung geraten hatten, die später krank vor einem standen und ihre Grippeviren in die Praxis pusteten. Ich war also relativ angespannt, als sie vor mir gestanden hatte. Sie wollte sich verabschieden. Das wurde mir später klar - zu spät. Ich hatte ihr noch nachgesehen, als sie zum Gartentor gegangen war und gedacht, dass sie traurig aussähe aber dennoch auf seltsame Art und Weise beschwingt; ja, eine Mischung aus traurig und beschwingt. Ihr Gang war fester als sonst. Sie war extrem dünn, und ihr Gang war immer irgendwie ein entrückter; als berührte sie mit den Füßen kaum den Boden. Sie schien zu schweben und doch wirkte es zugleich ein wenig linkisch. Ich gebe zu, dass ich sie am Anfang nicht gerne gesehen hatte. Nicht, weil sie nicht annähernd so attraktiv war wie Jenny, auch nicht, weil sie sich für absolut gar nichts zu interessieren schien - ich dachte immer, dass mehr in ihr steckte, auch mehr an Haltung, als man auf Anhieb hätte meinen können - nein, es war was anderes. Es war keine Abneigung, aber ein nicht akzeptieren wollen, dass sie mit unserem Robert zusammen war. Normaler Weise konnte ich mich auf meinen Instinkt blind verlassen, auch in diesem Fall, wie sich heraus stellen sollte, und die anderen vertrauten ansonsten gern meiner Intention; aber hier gab es keinen Anhaltspunkt. Wie hätte ich ihm raten können, die Finger von ihr zu lassen? Das war einfach nicht möglich. Er liebte sie. Was konnte man dagegen unternehmen? Einmal, da waren sie erst eine oder höchstens zwei Wochen ein Paar, versuchte ich, mit ihm zu reden. Das war höchst unerquicklich und hielt mich künftig davon ab, es noch einmal zu versuchen - zumindest, was dieses Thema anging. Den Vorlauf des Gesprächs habe ich mittlerweile längst vergessen, nur noch wie es zuende ging. Ich erinnerte mich daran, dass es immer wieder von langen Phasen eisigen Schweigens unterbrochen war. Nach einer dieser Phasen fragte er:


„Was hast du gegen sie?“


„Nichts, sie ist süß...“


„Süß! Aber...?“


„Was, aber...? Ich weiß nicht, ich finde, ihr passt einfach nicht zusammen.“ erwiderte ich, und es hörte sich leidlich hilflos an.


„Oh, das finde ich aber ganz und gar nicht. Vielmehr finde ich, dass sie ganz ausgezeichnet zu mir passt. Mehr noch, ich bin davon überzeugt, dass sie die einzige richtige Frau für mich ist. Zumindest ist sie die Frau, die ich liebe, sie ist meine Frau. Daran gibt es für mich nicht den geringsten Zweifel.“
 

„Ich will sie dir auch gar nicht madig machen.“
 

Er schwieg wieder lange. Dann fragte er mich unvermittelt:
 

„Was willst du? Meinst du, es wäre besser eine eigene Wohnung zu suchen?“
 

Ich erschrak. Nein, nichts wollte ich weniger als das.
 

„Nein, nein, ist schon alles in Ordnung. Du hast doch eine Wohnung, Robertchen,“sagte ich, „es ist dein Haus!“


Sie gehörten zusammen, das wurde uns jetzt erst richtig klar. Sie waren Geschwister. Wie tragisch diese Geschichte war! Und sie war ganz bestimmt kein Einzelfall. Das hatte die Politik den Menschen angetan. Das System war Schuld an der Misere dieser individuellen Schicksale, so viel war klar, aber die Rechtsprechung war eindeutig. Sie erlaubte nicht, dass Geschwister wie Ehepaare zusammen lebten. Warum hatten sie sich uns nicht anvertraut? Warum hatten wir, mein Mann und ich den Mut nicht gehabt, ganz gezielt darüber mit ihnen zu sprechen? Stattdessen verhielten wir uns ausgesprochen sträflich. Meinem Mann fiel natürlich auf, dass Julian sich nicht entwickelte, spätestens ab da hatten wir einen vagen Verdacht, aber wir wollten es nicht wahr haben. Wir wollten es nicht, und taten es zur Seite, bis wir es vergaßen. Wir sind schuldig am Tod unseres Enkels und unserer Schwiegertochter. Meinen Mann könnte man mit einem derartigen Vorwurf nun nicht mehr erreichen. Er wurde schwer krank. Er hatte nicht ganz zwei Wochen nach der Trauerfeier für Julian und Franzi einen Schlaganfall, von dem er sich sein Lebtag nicht mehr erholen sollte, aber mich erreichte man damit umso mehr. Ich wurde seither beständig von einer Unruhe erfasst, die mich nicht mehr los ließ. Das einzige, was mich noch bewegte, war diese entsetzliche Unruhe, dieses zermürbende Schuldgefühl, mit dem ich nicht umgehen konnte und das mich umtrieb. Besonders in den Nächten. Ich konnte nicht mehr schlafen, ohne die stärksten Schlafmittel einzunehmen. Dann schlief ich ein, wachte spätestens um vier Uhr morgens wieder auf, und es ging gar nichts mehr. Ich bekam nur noch schwer Luft und musste inhalieren. Seit das passiert war, hatte ich Asthma. Ich ertrug den Gedanken nicht, dass wir nicht wachsamer gewesen waren, und den schrecklichen Kummer von unserem Sohn nicht hatten abwenden können. Mein armes Kind, was sollte jetzt aus ihm werden. Er war nur noch der Schatten seiner selbst. Er aß nichts mehr und hatte dunkelbraune Ringe unter den Augen. Er sehnte sich nach ihr, das wussten alle, die ihn liebten und hilflos daneben standen, und nicht selten hatte ich Angst, dass er sich etwas antun könnte. Nicht nur, dass er das Grundstück nicht mehr verließ, nein, er ging auch gar nicht mehr aus dem Haus. Ich redete auf ihn ein wie auf ein krankes Pferd, um ihn dazu zu bewegen, wenigstens so viel zu sich zu nehmen, dass er nicht Hungers stürbe. Er hatte das Studium aufgegeben, noch war er nicht exmatriculiert, aber er hatte es vor. Er sah in seinem Leben keinen Sinn mehr. Das einzige, was er las, waren die wenigen Briefe, die sie ihm geschrieben hatte, ihre Tagebücher, aus denen hervor ging, dass sie nicht nur ein sehr intelligenter Mensch, sondern auch eine begabte Dichterin war, und das Buch, das man auf der Treppe in Pillnitz neben ihrer fast verkohlten Leiche fand. Daraus konnte der Schluss gezogen werden, dass sie nachmittags mit dem toten Kind im Schlosspark ankam und erst das Buch vollschrieb, bevor sie Extasy Tropfen in einer Flasche mit Kornbrand löste. Dann legte sie ihr Buch so weit von sich entfernt auf die Treppenstufen, dass es keinen Schaden nähme, überschüttete sich mit Benzin und trank dann die ganze Flasche Kornbrand leer. Sie hatte eine brennende Kerze in einem gewissen Abstand neben sich gestellt, so dass ihr Körper, wenn sie das Bewusstsein verlöre, darauf fallen und Feuer fangen würde. Dies geschah, wie später rekonstruiert wurde, zwischen Vier und halb Fünf in der Nacht. So erklärte sich auch, dass niemand den Brand wahrnahm und die Feuerwehr alarmierte. Als der erste Passant mit seinem Hund vorbei kam, fand man nur noch die äußerlich bereits verkohlte Leiche, die in Wahrheit zwei waren, was zunächst nicht vermutet wurde. Es hatte zu regnen angefangen, ein eiskalter Februarregen, der allmählich in wässerigen Schneefall überging. Der Mann dachte erst, dass Jugendliche ein Feuer gemacht hätten, vielleicht um zu grillen oder sich zu wärmen und wunderte sich, dass sich jemand bei solch einer Kälte nachts draußen aufhielte und auf eine derartig absurde Idee käme.
 

„Diese jungen Leute schrecken doch vor gar nichts zurück!“ hatte er sich gesagt, wie er später zu Protokoll gab.
 

Als er näher trat, sah er, dass es ein Leichnam war und rief bei der Kripo in Dresden an. Wir hatten sie als vermisst gemeldet; dennoch dauerte es drei Tage, bis die Polizisten den Leichenfund mit unserer Vermisstenanzeige in einen näheren Zusammenhang brachten. Wir verstanden das nicht. Wir waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, überhaupt etwas zu begreifen. Drei Tage und drei Nächte lebten wir in der absoluten Unsicherheit; und dann mit der traurigen Gewissheit, die jede noch so winzige Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang zunichte machte. Durch den Regen war das Feuer gelöscht worden, so dass noch etwas DNA fähiges „Material“ übrig geblieben war, anhand dessen man ihre Identität feststellen konnte. Die Leiche Julians indes konnte nicht mehr eindeutig identifiziert werden; doch aufgrund aller vorhandenen Indizien wurde schließlich erklärt, dass es sich um die sterblichen Überreste unseres Enkels handelte und der Totenschein ausgestellt. Wir hatten damit gerechnet, dass etwas Furchtbares geschehen war, und doch traf uns die Wahrheit wie ein Schlag in die Magengrube. Es war nichts mehr so, wie zuvor. Mit einem Mal waren die Fugenstifte aus den Scharnieren unseres Lebens gezogen, alles drohte in sich zusammen zu brechen. Ein schwacher Trost in unserer Trauer war zunächst, dass der Begriff der Schuld außerhalb von uns auszumachen war, wiewohl er uns miteinbezog, sich über uns warf wie ein Erdrutsch und uns den Weg abschnitt. Je länger wir uns allerdings mit der Schuldfrage beschäftigten, desto entschiedener wurde uns klar, dass auch uns ein nicht geringer Anteil der Verantwortung nicht abgesprochen werden konnte. Dem ersten vagen Verdacht hätten wir entschieden nachgehen müssen, aber wir hatten es nicht getan. Unsere Angst vor der Schuld hatte uns die Unschuld geraubt. Wir wollten einfach nicht wahrhaben, was später auf so entsetzliche Weise ans Licht kam. Wir wollten es nicht glauben, und wir ließen den Gedanken einfach nicht mehr zu. Damit glaubten wir, ihn gegenstandslos gemacht zu haben, und damit trugen auch wir zum Tod unserer Schwiegertochter und unseres Enkels bei. Wir waren Schuld daran, dass unser Sohn die Liebe seines Lebens, seine Schwester und seinen Sohn verlor. In Franzis letztem Tagebuch stand: 
 

„Zeichnest Psychobilder der Verwüstung, und läufst deiner eigenen Großartigkeit nach, um sie in nichts wiederzufinden und in nichts bestätigt zu sehen, da du dir dein eigenes Psychobild verwüstet hast.“
 

Wir wussten nicht, wem dies galt, ob ihr selbst, Robert oder der Gesellschaft. Es war persönlich und allgemeingültig, ohne als Gemeinplatz gewertet werden zu können. Dazu war es zu eindringlich, aber wir wussten nun, dass wir Franzi und unseren Enkel nie wieder sehen würden.



Viertes Buch, "Karlheinz" 



1

 

Ich fand es immer widerlich, wenn ich von den Alten hörte, sie hätten nicht gewusst, was die Nazis tatsächlich mit den Juden machten. Das hat ja wohl jeder gewusst, der es wissen wollte und ein bisschen genauer hin sah. Und jetzt sind wir in der Situation, dass wir uns dafür rechtfertigen müssen, was in der DDR passiert ist. Ich war zufrieden hier. Natürlich ist es nicht richtig, jemanden zu erschießen, nur weil er weg will, oder Leute, die der Sache kritisch gegenüber stehen, einzulochen. Dass hier jeder jeden bespitzelt hat, das lag nur am Staat, der einen dazu zwang. Hätte sich mal einer weigern sollen! Dann wäre er bestimmt auch bald in Bautzen oder Hohenschönhausen gelandet.  Man darf nicht kategorisch verurteilen, wenn man die Situation nicht wirklich kennt. Es ist immer die Angst, mit der ein totalitäres Regime bei seinen Leuten spekuliert, um sie  bei der Stange zu halten. Aber in unserem Normalleben haben wir gar nichts davon mitgekriegt, wenn da ein Regimekritiker eingesperrt oder ein Flüchtling an der Grenze erschossen wurde. Wenn ich so darüber nachdenke, sind meine Argumente jetzt genau wie die Argumente der Alten, die sich schuldig fühlen wegen der Nazizeit. Was, wenn wir uns alle geweigert hätten? Wäre das möglich gewesen? Sicher kann man uns vorwerfen, dass wir es nicht versuchten. Ich habe nie einen Anlass gehabt. An mich ist nie jemand heran getreten, um jemand bespitzeln zu lassen. Ich habe mich nie bedroht gefühlt. Jetzt wird das immer so dargestellt, als wären wir alle unterdrückte, leidende und hungernde Gefangene gewesen. Die DDR war kein Gefängnis. Den meisten, die ich kenne, ging es gut. Der Staat hat für uns gesorgt. Da war keiner ohne Arbeit. Die Kinder hatten einen Krippenplatz und gehörten zur Jugendgruppe. Da waren sie  integriert. Ich kann es nicht mehr hören, was man jetzt vor allem im Westen für einen Blödsinn über uns verbreitet. Das sind alles Propagandalügen. Je länger die Einheit zurück liegt, desto abenteuerlicher werden die Legenden, die man sich im Westen erzählt, um uns in Misskredit zu bringen. Zehn Jahre auf einen Trabi zu warten, zum Beispiel, oder dass wir nicht wissen, was eine Orange ist. Na und? Erstens stimmt das so gar nicht. Und dann, was ist denn dabei, dass man so einen Mistkarren, der nur stinkt und die Umwelt kaputt macht, nicht so mir nichts dir nichts bekommt? Und Orangen sollte man da essen, wo sie wachsen. Das ist meine Meinung. Die werden oft Tausende von Kilometern im Flugzeug transportiert, nur damit man sie bei uns essen kann. Was brauchen wir Orangen oder Ananas oder Bananen. Wir haben immer Erdbeeren und Himbeeren im Garten gehabt, Apfelbäume, Birnen, Kirschen, heimisches Gemüse und eigene Kartoffeln. Da fehlte es an nichts. Wir litten keine Not. Auf dem Land ging es den Menschen zu DDR Zeiten wesentlich besser als jetzt, auch wenn sie sich keinen BMW leisten konnten.  Natürlich war bei uns technisch einiges nicht auf dem neuesten Stand. Unsere Straßen waren marode, und in ländlichen Gegenden gab es allenfalls Schotterwege. Ich habe als Gleisbauer gearbeitet, und ich weiß natürlich, dass die Hightech Züge aus dem Westen in der DDR niemals fahren konnten. Aber wir kamen auch von A nach B, wenn wir das wollten. Wenn man telefonieren wollte, musste man zum einzigen Telefon im Dorf und sich vermitteln lassen. Aber was ist das schon für ein Problem? Heute hat jeder ein Handy in der Tasche aber noch lange keine Arbeit. Ich weiß nicht, ob ich das besser finden soll.  Ein Handy haben wir früher auch nicht gebraucht. Seit wir annektiert worden sind - ich sage das ganz bewusst, denn das sind wir: annektiert worden - also seither fühlen wir uns als Menschen zweiter Klasse.  Unsere Jugendlichen wandern entweder ab in den Westen oder zu den Rechten. Ich rege mich jedes Mal auf, wenn ich höre, dass bei uns alles Nazis sein sollen. Woher kommen die denn, bitte sehr? Nicht von hier. Die Neonazis haben einfach gesehen, was den Leuten fehlt, nämlich sozialer Anschluss! Und wenn es nur die Rechten sind, die das bieten, dann wandern die Kinder ab. Die wollen auch geachtet und nicht allein sein. Denn das sind sie von der DDR gewöhnt. Für mich hat der Westen diese Chance verpasst, der DDR ein Selbstwertgefühl und ihren Stolz zu lassen. Den hatten wir, als wir noch wer waren. Besser keine Bananen und kein Urlaub in Mallorca, dafür aber eine Zukunft mit der Aussicht auf ein menschenwürdiges und geachtetes Leben. Das ist meine Ansicht. Mallorca und die so genannte soziale Marktwirtschaft haben rein gar nichts mit Menschenwürde zu tun. Aber wie man jetzt mit unserer Jugend umgeht, schon, das tritt die Menschenwürde mit Füßen. Vierzig Jahre gab es bei uns im Osten keine Arbeitslosigkeit. Jetzt haben die meisten keine Arbeit mehr, und Geld Geld Geld, das ist alles, was zählt. Dabei ist das Leben unbezahlbar geworden. Ich weiß, dass sich so mancher zurück sehnt, und ich kann es ihm nicht verdenken. Mir geht es genau so. Ich bin davon überzeugt, dass meine Franzi noch am Leben wäre, wenn es diese unsinnige Deutsche Einheit nicht gegeben hätte. 
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acron 02/21/2011 22:56


Hallo Gunter, die beiden Kommentare waren eigentlich für "Land nach Sturm" gepostet. Das namenlose Unglück bezieht sich auf die einsame Frau, die in ihrer Depression nicht mehr aus dem Haus geht
und sämtliche Kontakte zu ihren Mitmenschen abgebrochen hat.
Am Anfang konnte man im Blog den ganzen Roman lesen. Bei der Änderung, als ich den "Drachentöter" mit aufnahm, sind die beiden Kommentare an dieser Stelle geblieben, wo sie nun nicht mehr hin
gehören.


Gunter M. 02/21/2011 16:14


Was heißt hier traurig? Frau Cron hat wohl weniger Grund, traurig zu sein als wir. Sie beschreibt unser Unglück, wie man es besser nicht beschreiben kann. Es war eine Katastrophe! Vermutlich wusste
im Westen niemand wirklich, wie es war.
Ich bin eines dieser Adoptivkinder. Mein Vater hat rüber gemacht, wie es lapidar hieß. Dass er auf der Flucht erschossen wurde, haben wir erst nach der Wende erfahren. Auch ich hatte zwei
Schwestern, die ich erst Jahre später kennen gelernt habe; und ich bin kein Einzelfall.


Lydia Hartmann 02/16/2009 13:47

Jawohl, ich gebe Christina Recht. Es ist ein namenloses Unglück. Der Name tut gar nichts zur Sache. Ich habe beständig an mich, mein eigenes Unglück, das dem Schicksal der Frau nicht unähnlich ist, gedacht. Bin noch ganz voll davon. Habe richtig Herzklopfen. Aber umbringen, für einen Mann! Nein, denn doch nicht. Lieber ohne ihn weiterleben, so trist und hoffnungslos auch das Leben sein mag, ist es doch noch um Längen besser als der Tod.

Christina 01/15/2009 23:22

Warum so traurig, Anna Cron? Warum? Wer so eindringlich Situationen und Stimmungen beschreiben kann, der hat Grund genug, sich darüber zu freuen. Sie haben mich zum Weinen gebracht. Was für ein Buch! Schon wie es anfängt, wie man die Wolken sieht, und die Vögel, da braut sich was zusammen, und dabei ist es so unprätentiös. Wie sich die Seele dieser Frau allmählich offenbart, das tut fast weh! Sie hat keinen Namen, und er hat keineb Namen - ein namenloses Unglück!