Lauf so schnell du kannst!

Veröffentlicht auf von acron

Beziehungswaise.

Eine enge Welt fand sie vor, als sie geboren wurde, das dritte Kind ihrer Eltern - vier weitere sollten folgen. Keines starb; sie blieben am Leben, das ansonsten nichts Gutes verhieß. Es zog sie hinein in den Abgrund, aus dem zu entweichen nicht möglich schien.

Dennoch entkam sie - sie glaubte daran; doch das Leben selbst war der Abgrund. Der Tod wäre ein Ausweg gewesen. Doch sterben wollte sie nicht - nicht so früh, nicht so jung - so blieb sie am Leben, das keines war, nur ein Abgrund. Sie empfand dies als Schmach.

„Ich liebe dich! Bleib!“ sprach die Sonne, stach ihr ins Auge und traf. Sie seufzte ergeben; eine Wahl hatte sie nicht. Und sofort begann sie, sich ihre eigene Welt zu zerstören.

Ihr Leib war ein faulender Kosmos, der Weg war geebnet. Glatt war er und führte nach unten, und sie bemerkte es nicht.

Du siehst dem Stein nicht an, wer ihn geschlagen hat, sagte sie. Angriff und Verteidigung - Angriffsverteidigung Schon zu Beginn des Gesprächs lag Streit in der Luft. Jedes Wort war von Aggressivität und Misstrauen überhaucht. Ihre Gefühle waren das Damoklesschwert über ihren Worten, das - fallend - jedes gemäßigte Wort im Entstehen bereits vernichtete. Schwarze Löcher, zusätzliche Dimensionen, wo war Gott? Ein Anfang und ein Ende, ein Anfang ohne Ende, ein Wurmgang als Zeitmaschine und „wer“, fragte sie sich, „bin ich, da ich Gott nicht finde? Unaufhaltsam nähern wir uns der Katastrophe, dem Ende. Lass uns nicht mit einander verzweifeln sondern gegen einander, eines am anderen. Wir wissen beide: Im Zentrum steht ein Mann!“

„Ich kann nicht mehr“ flüsterte sie, obwohl zum Flüstern kein Anlass bestand, denn sie war allein. Sie sah ins Land, das vor ihr lag und darüber hinaus. Ihr Blick war begrenzt. Über den Himmel zog sich ein milchiger Streifen, der später gerann und zerfiel. Sie schauderte - noch war es kühl. Der Tag hatte begonnen, und die Sonne kroch langsam; sie mühte sich redlich. Hundegebell in der Ferne, ein heiser gebrülltes: „Stai zitta!“ dazwischen. Die Sonne erschrak und verbarg sich. Ein einziges dunkles Wölkchen am Himmel bot Deckung. Ein Augenblick, ein Moment nur, ein Nu, dann kam sie wieder hervor und warf ihr Licht in das Tal, schmiss Schatten wie graue Putzlappen vor Bäume und Hänge und malte schwarze Schluchten in die Landschaft. Ein Haus weit entfernt warf ihr Licht zurück, und im Dachsilberglanz erblickte sie ihre Schönheit.

„Ach, wär ich wie sie!“ sagte sie und flüsterte nun nicht mehr.

„Wo ist die Welt, die ich brauche?“ schrie sie. „Du warst mir die Welt. Ich brauche dich nicht mehr!“ Dann leiser: „Aber geh nicht!“ Er war längst nicht mehr da, doch sie wusste es nicht. Sie suchte umsonst die Nähe, die ihre Welt mit der seinen verband. Ihm ging es nicht anders. Er suchte den Weg zu ihr, den er glaubte, verloren zu haben. Doch trügerischer Glaube. In ihm brannte noch Wollust. Er wollte und wusste noch, was. Sie indes wollte wollen und wusste nicht, was. Das Objekt blieb ein vages, ein Nachklang, ein Widerhall, schwächer werdend, schon fast nicht mehr spürbar, Erinnerung, die - auch sie - in Zweifel gezogen werden durfte; getrost, verstand sich von selbst. Sie ahnte, er wollte nicht sie; eine Ahnung am Rand der Gewissheit - noch log er.


Im Rücken ein Mann, der hämmerte, stach und traf. Am Haus wurde gebaut, damit es aufs Neue erstünde, bevor es endgültig zerbarst. Was sind hundert Jahre, was tausend, zehntausend? Vor sechshundert Jahren erbaut aus zigtausend Jahr altem Stein, mehrfach zerstört - wieder aufgebaut, Phase um Phase, Emphase, ein sinnloser Tanz der Verzweiflung, die Suche nach Heimat - nie abgeschlossen, die Welt selbst ein sinnloser Tanz, der Träume erzeugt, ins Absurde verkehrt, ein Abgrund! Und jedes einzelne Wort ein Hort der Verzweiflung. Daher gedacht, gesagt, geschrieben. Kein Wert im Wort.

Da saß sie und zagte, und hinter ihr bauten die Männer, wirbelten Staub auf und Fragen. Verschwunden war nun der Glanz auf dem Dach gegenüber, erloschen war auch Phönix' Spiegel, da das Land nun selbst da lag in seinem Schein. Wenn alles erstrahlt, hat Phönix das Nachsehen. Die Sonne, der Phönix - ein Wort ohne Wert. Ein Mann, eine Frau und ein Haus. Ein Vater, ein Sohn, ein Messer, ein Stein. Sein Blut war weiß und warf sich als Leichentuch über das Land.

Eine andere Perspekive, ein weiterer Blick mitten ins Leben hinein: Der gebeugte Rücken des Vaters, hart, ausgemergelt, Askese - Osmose, die platten Füße des Sohnes, schwer, der Körper, die Last der Familie tragend - Hunger nach mehr, nach Veränderung.

Ein Weib, ein Kind, ein Stein, Stein auf Stein - ein Leben.
Es muss draußen bleiben. Es ist gelaufen.

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